Sonntag, 30. Dezember 2018

Verbieten, Verklagen oder lieber Verbessern?


Verbieten


Vor dem Richter und auf hoher See sind wir in Gottes Hand
(Bild: gemeinfrei, Old Bailey in London)
Die Heise News vom 14.12.2018 haben eine Liste "Diesel: Wo und wann in Deutschland Fahrverbote anstehen". In Stuttgart  geht es bekanntlich Anfang nächsten Jahres los.


Laut Spiegel Online vom 08.12.2018 gibt es einen Parteitagsantrag mit dem Ziel "CDU will Gemeinnützigkeit der Umwelthilfe prüfen lassen". Die Partei stört sich daran, dass nahezu jedes Gericht der Deutschen Umwelthilfe Recht gibt, sobald es um die Frage geht, ob von der Politik beschlossene Grenzwerte tatsächlich eingehalten werden müssen. Die 39. BImSchV - das ist die Verordnung, auf der diese Grenzwerte beruhen - trat am 02.08.2010 in Kraft. Wer war eigentlich damals an der Regierung? Also: Erst erlässt eine Regierung eine Verordnung, alsdann fordert ein Verband (nicht die Regierung) vor Gericht deren Einhaltung ein, gewinnt (selbstverständlich) und jetzt ist die damals wie heute dafür zuständige Regierungspartei dagegen? Ob man die Höhe der Grenzwerte oder die Art der Messung für sinnvoll erachtet, spielt da eigentlich keine Rolle mehr.


Verklagen


Übrigens klagt keineswegs nur die Deutsche Umwelthilfe: auch das Land Baden-Württemberg will VW "auf vorsätzlich sittenwidrige Schädigung" verklagen, berichten die Heise News am 15.12.2018. Es geht um vom Land geleaste Dieselfahrzeuge der Marken VW, Audi, Skoda und Seat. Falls jemand glaubt, dass dieses Buhei politische Hintergründe hat, weil hierzulande die Grünen an der Macht sind, der sei daran erinnert, dass auch hier die CDU (mit)regiert. Weiterhin lohnt sich ein Blick nach Bayern: Der Freistaat unter Markus Söder verklagte VW laut Heise News wegen der  Aktienkurs-Verluste, die dem Bayerischen Pensionsfonds entstanden sind. Ist so eine Landesregierung etwa auch bloß ein "Abmahnverein"  (so bezeichnen manche Politiker die Umwelthilfe)?

Spannend ist in diesem Zusammenhang auch der Bericht im Spiegel Online vom 14.12.2018, wonach ein EU-Gericht die Grenzwerte für die allerneuesten Dieselantriebe nach Euro 6 Norm für nichtig erklärte. Geklagt hat auch hier nicht die Umwelthilfe, sondern noch ein anderer "Abmahnverein", der aus den Städten Madrid, Paris und Brüssel besteht. Nach dem aktuellen Urteil darf die EU-Kommission den Automobilherstellern nicht länger erlauben, die Abgasgrenzwerte, welche jahrelang unter praxisfernen Laborbedingungen geprüft wurden, im Realbetrieb auf der Straße massiv zu überschreiten. Gerichte mögen halt keine Betrüger.

Bild: public domain
Falls jemand das Wort "Betrug" für unangemessen hält, dann hilft möglicherweise die Lektüre eines etwas älteren Artikels im Fokus vom 01.06.2017: "Euro 4 sauberer als Euro 5: Grafik zeigt wahren Schadstoff-Ausstoß von Diesel-PKW". Während die Abgasnormen im Lauf der Zeit immer schärfer wurden, haben manche Autohersteller durch Ausnutzen gesetzlicher Schlupflöcher den Schadstoffausstoß ihrer Autos gesteigert. Das Ziel die Luftverschmutzung zu reduzieren wurde damit sabotiert. Laut Heise News vom 23.12.2018 prüft das Kraftfahrtbundesamt "erneute Auffälligkeiten" und "VW stoppt Software-Updates für ältere Dieselmotoren".

Übrigens gibt es beim Umweltbundesamt eine öffentlich zugängliche Liste mit Emissionen im Realbetrieb für viele gängige Automodelle. Vielleicht ist ja auch Ihr Fahrzeug dabei... 


Verbessern?


Wird jetzt alles gut, wenn wir den Dieseantrieb schnellstmöglich abschaffen? Keineswegs. Wenn alle Autofahrer ihren Diesel, der heutzutage vielleicht 6 Liter Diesel auf 100 km verbraucht, durch einen Benziner ersetzen, der stattdessen 10 Liter Super verbrennt, dann steigt erstmal der CO2-Austoß. Und das ist wahrscheinlich schlimmer als die gegenwärtige NO2-Belastung. Stickoxide halten sich nämlich nicht übermässig lange in der Atmosphäre, sondern zerfallen chemisch oder werden vom Regen ausgewaschen; natürlich ist saurer Regen auch kein Anlass zu Freude, aber danach atmen wir das Zeug wenigstens nicht mehr ein. Das CO2 hingegen sammelt sich in der Atmosphäre, man wird es praktisch nie mehr los und es verursacht den Treibhauseffekt, der zur Klimaerwärmung führt.

Sollten wir dann alle auf Elektroautos umsteigen? Nun ganz so einfach ist das auch nicht. Spektrum der Wissenschaft publizierte vor einem Jahr eine ernüchternde Studie "Wie ist die Umweltbilanz von Elektroautos?" und kommt zu dem Ergebnis "Das Elektroauto hat ein Imageproblem – sein Ruf ist zu gut". Wie das? Zum einen müsste der Strom aus regenerativen Quellen kommen und nicht aus Braunkohlekraftwerken. Wer mit Kohlestrom fährt, der verschmutzt die Luft nur anderswo. Zum anderen belastet die Herstellung von Elektrofahrzeugen, insbesondere der Batterien, die CO2-Bilanz enorm. Je größer die Reichweite, desto schlechter die Ökobilanz. Hier die Effizienz zu erhöhen ist bestimmt möglich, wird aber noch viele Jahre dauern.

Wer dazu eine zweite Meinung braucht, findet die beim ADAC: bei den großen Autos hat gegenwärtig der Diesel den geringsten CO2-Ausstoß über Lebensdauer einschließlich Herstellung. Ein Stromer fährt erst ab 580.000 km Laufleistung umweltfreundlicher als der Diesel. Bei kurzreichweitigen Kompaktfahrzeugen dagegen ist das Elektroauto schon bei 50.000 - 100.000 km Laufleistung besser. Der Benziner ist übrigens die allerschlechteste Wahl. Über das zusätzliche Problem, dass Benziner mit Direkteinspritzung ordentlich Feinstaub erzeugen, weil meist kein Filter vorhanden ist, wollen wir hier nicht reden. Ergo muss man die Ökobilanz differenziert sehen: Elektroantrieb hat eine gute Ökobilanz für kurzreichweitige Stadtautos. Sie wird noch besser, wenn man Kohlekraftwerke durch regenerative Energie ersetzt. Bei großen langreichweitigen Autos hat der Diesel noch immer die Nase vorn.

Die Hersteller könnten übrigens Stickoxide wirksam aus dem Abgas entfernen, aber das wollen die nicht - lieber verkaufen sie Neufahrzeuge, Die Stuttgarter Nachrichen bezeichnen das am 28.12.2018 als ein "Armutszeugnis für die Autobauer"Der Fokus vom 29.12.2018 sammelt weitere Pressestimmen, wie beispielsweise "Autobauer sind Zentrum des Problems, Teil der Lösung wollen sie nicht sein". Vielleicht hilft Politikern und Managern ein Blick auf den Aktienmarkt: Die Firma Tesla ist inzwischen mehr wert als Daimler und BMW