Sonntag, 6. Mai 2018

Aktuelle Pläne für die Bahnlärmsanierung in Leonberg-Silberberg

Im folgenden Artikel steht eine Faktensammlung zur geplanten freiwilligen Bahnlärmsanierung in Leonberg: Am 23.04.2018 fand dazu in der Stadthalle eine Informationsveranstaltung statt (siehe Bericht in der LKZ). Auf dem Podium waren unser Oberbürgermeister Martin Kaufmann, dem diese Angelegenheit erkennbar wichtig war, mit seinen Mitarbeitern aus unserer Stadtverwaltung, die Leiterin der Bahnlärmsanierung im Südwesten, Sabine Weiler, sowie der Experte Martin Reichert von der Firma Modus Consult, die die notwendigen Lärmberechnungen durchführt. Die Unterlagen aus der Veranstaltung sind auf der Webseite der Stadt Leonberg öffentlich ausgelegt.

Die Bahnlärmsanierung ist eine freiwillige Leistung des Bundes in Wohngebieten, in denen die Belastung von Bestandsstrecken (d.h. alten Bahnstrecken) besonders hoch ist. Natürlich unterliegt sie einer Förderrichtlinie. Relevant ist daraus u.a. §1, Abs. 3:

"Ziel der Förderung ist es, die Lärmbelastung der Anlieger bestehender Schienenwege der Eisenbahnen des Bundes ... um die von den Schienenwegen ausgehenden Schallemissionen zu mindern, (a.) soweit die zu schützenden baulichen Anlagen vor Inkrafttreten des BundesImmissionsschutzgesetzes errichtet wurden oder (b.) ... oder (c.) ... oder (d.) der Verkehrslärm nach Errichtung der baulichen Anlage in nicht vorhersehbarer Weise zugenommen hat."

Saniert wird also, falls die Gebäude vor dem 01.04.1974 errichtet wurden (diese Aussage steht auch so in der Präsentation der Deutschen Bahn) oder falls der Lärm unvorhersehbar stark zugenommen hat (diese Aussage steht so nicht in der Präsentation der Deutschen Bahn ⇒ ein Schelm, wer Böses dabei denkt).


Wie sieht die Belastung in Silberberg aus?


Berechnung Schienenlärm durch die Firma SoundPlan im Rahmen der Lärmaktionsplanung für Leonberg (Quelle: Stadt Leonberg, Lärmaktionsplanung Stufe 2 vom 01.03.2018, Anlage 3a, Maßnahme M11)
Die aktuelle Lärmaktionsplanung für Leonberg zeigt in Silberberg, dass die ersten zwei bis drei Gebäudereihen entlang der Bahnlinie stark belastet sind. Die obige Karte muss man wie folgt lesen: berechneter Pegel nachts über 55 dB(A) = hellgrün, über 57 dB(A)  = dunkelgrün, über 60 dB(A) = gelb, über 63 dB(A) = rot

Ein Hinweis zum Verständnis solcher Zahlen: In der Norm "Schallschutz im Städtebau" (DIN 18005) steht: "Bei Beurteilungspegeln über 45 dB(A) ist selbst bei nur teilweise geöffnetem Fenster ungestörter Schlaf häufig nicht mehr möglich" und deshalb wird in allgemeinen Wohngebieten ein Orientierungswert von 45 dB(A) empfohlen. Es besteht allerdings keine Rechtspflicht diese Empfehlung der Experten einzuhalten und deshalb ist die reale Belastung vielerorts höher. In der sehr lesenswerten Unterlage über Schienenlärm des Arbeitsrings Lärm der Deutschen Gesellschaft für Akustik steht u.a.: "Die auf der Basis von epidemiologischen Studien beim Straßenverkehr postulierten Risikoschwellen für Herzinfarkte von 65/55 dB(A) tags/nachts haben sich auch für den Schienenverkehrslärm ergeben". Also sollte die nächtliche Lärmbelastung aus gesundheitlichen Gründen unterhalb 55 dB(A) und idealerweise unter 45 dB(A) liegen. Leider fließen diese Erkenntnisse nicht in die gesetzlichen Vorgaben ein.

Schauen wir uns nun die Unterlage zur Bahnlärmsanierung von Modus Consult für Silberberg an:

Berechnung Schienenlärm durch die Firma Modus Consult im Rahmen Bahnlärmsanierung Leonberg 2018 (Quelle: Unterlage zur Informationsveranstaltung am 23.04.2018, Anlage 2.8)
Blau eingezeichnet ist die 57 dB(A) Isophone. Das bedeutet: Alle Gebäude zwischen Bahnlinie und blauer Isophone haben nachts eine Lärmbelastung von mehr als 57 dB(A). Hier zeigen also SoundPlan und Modus Consult vergleichbare Bilder. An allen rot eingezeichneten Gebäudefassaden liegt der nächtliche Pegel oberhalb des Grenzwertes von 57 dB(A).

Manche Nachbarn mögen sich jetzt wundern, wenn ihr Wohngebäude zwar innerhalb der 57 dB(A) Isophone liegt, aber keine rote Fassade hat. Das liegt nicht etwa daran, dass an diesem Haus die Lärmbelastung geringer ist, sondern vielmehr daran, dass es nach 1974 errichtet wurde und gemäß §1 Abs. 3(a) der oben zitierten Förderrichtlinie nicht förderfähig ist. Liebe Nachbarn, da haben Sie eben Pech gehabt (?) ... Mehr dazu später.

Lärmschutzwände und/oder Lärmschutzfenster?

Modus Consult hat berechnet, wie sehr Lärmschutzwände auf beiden Seiten der Bahnlinie die Belastung verbessern.

Berechnung Schienenlärm durch die Firma Modus Consult im Rahmen Bahnlärmsanierung Leonberg 2018 nach Errichtung von drei Meter hogen Lärmschutzwänden (Quelle: Unterlage zur Informationsveranstaltung am 23.04.2018, Anlage 3.1.8)

Die drei Meter hohen Lärmschutzwände sind grün eingezeichnet. Die blaue 57 dB(A) Isophone liegt nun erheblich näher an der Bahnlinie. Dementsprechend weniger Wohngebäude überschreiten den Grenzwert. An den Stellen, wo Fassaden noch immer rot eingezeichnet sind, werden zusätzliche "passive Lärmschutzmaßnahmen" notwendig; dabei handelt es sich um Zuschüsse für Lärmschutzfenster und Lüftungsanlagen. Letztere braucht man, weil die Lärmschutzfenster zumeist geschlossen bleiben sollten, weil sie natürlich keinen Lärm abhalten, solange sie zum Lüften offen stehen. 

Ist Ihr Haus zu jung?

Wir untersuchen nun im Nordosten Silberbergs die Wirksamkeit der Lärmschutzwände:

Nordosten von Silberberg: Detail aus dem vorigen Bild

An der Friedrich Haugstraße wird auch mit Lärmschutzwand der Grenzwert von 57 dB(A) übertroffen, wie man an den roten Fassaden sieht. Möglicherweise sind die Lärmschutzwände mit 3 Meter noch zu niedrig und man sollte 4 m Höhe anstreben? Die nördliche Lärmschutzwand endet auf der Höhe der Paulinenstraße 32. Deswegen ist der Lärmschutz der in der Nähe liegenden Häuser weniger wirksam. Deren Fassaden sind jedoch nicht rot eingezeichnet, weil die Häuser hierfür zu jung sind. Der Bebauungsplan "Östliche Haugstraße" stammt aus dem Jahr 1976 und Stichtag für die Förderwürdigkeit war der 01.04.1974. Rein technisch würde jedenfalls eine Erhöhung und Verlängerung der Lärmschutzwand auch dort erhebliche Verbesserungen bringen.


Was steht eigentlich im Bebauungsplan?

Auf den Webseiten der Stadt Leonberg kann man erfreulicherweise die alten Bebauungspläne herunterladen (das, das und das ist ein guter Service der Stadt!). Relevant erscheint im Bebauungsplan "Östliche Haugstraße" die folgende Passage:

Auszug aus dem Bebauungsplan Östliche Haugstraße aus dem Jahr 1976

Es gibt also ein Lärmgutachten der Firma Bender und Stahl aus dem Jahr 1974. Offenbar steht dort, dass bei der geplanten Bebauung ein Beurteilungspegel von 50 dB(A) an den Fassaden nicht überschritten wird. Heute liegen die Pegel oberhalb 63 dB(A), wie im Rahmen der Lärmaktionsplanung der Stadt Leonberg berechnet wurde. 13 dB(A) Unterschied sind erheblich. Das entspricht rund und roh gerechnet einer 20-fachen Verkehrsbelastung. Hier muss man deshalb fragen, ob nicht die Bestimmung §1, Abs. 3(d) greift, wonach "der Verkehrslärm nach Errichtung der baulichen Anlage in nicht vorhersehbarer Weise zugenommen hat." Immerhin gab es doch damals ein offizielles Gutachten, welches eine solche Steigerung offenbar nicht vorhergesehen hat. Die physikalische Erklärung dafür, wie es zu jener Steigerung um 13 dB(A) kam, ist übrigens sehr einfach: 


Die Zahl der Güterzüge nahm über die Jahre hinweg schleichend, aber stetig zu




Update 07.05.2018: Ein nie gebauter Lärmschutzwall


Folgender sachdienliche Hinweis aus der Nachbarschaft kam gerade herein:


Detail aus dem Bebauungsplan Östliche Haugstraße aus dem Jahr 1976

Im Detailbild des Bebauungsplanes 1976 ist blau ein Lärmschutzwall eingezeichnet, der sicherstellen sollte, dass keine Sichtverbindung zwischen den Wohngebäuden und der Eisenbahn besteht. Der Lärmschutzwall musste seinerzeit vom Bauträger errichtet werden. Der Bauträger ging allerdings vorher in Insolvenz und seitens der Behörden wurde auch nichts mehr unternommen. Und deswegen ist ein Lärmschutzwall im Bebauungsplan dokumentiert, der niemanden vor Lärm schützt, weil er in Wirklichkeit überhaupt nicht existiert.


Update 11.05.2018: Stellungnahme der AGVL

Dort stehen weitere wichtige Hinweise:

  • die in den Berechnungen von Modus Consult angesetzten aktuellen Zugzahlen für 2016 erscheinen zu niedrig
  • für die Vorhersage der zukünftigen Lärmbelastung setzt die Bahn einen Prognosehorizont 2025 fest; die Lärmschutzmaßnahmen werden voraussichtlich 2022 umgesetzt werden; ein Prognosehorizont 2030 wäre möglich und angemessen
  • die Bahn betrachtet nur Lärmschutzwände und Lärmschutzfenster; es gäbe aber durchaus weitere Maßnahmen, wie Entdröhnung von Brücken, Schienenschmieranlagen oder schlicht Tempolimits; diese werden nicht ausreichend betrachtet
  • es besteht eine Forderung den Einbau der im Rahmen der Sanierung eingeplanten Lärmschutzfenster an Gebäuden mit gesundheitsschädlicher Belastung [~60 dB(A) nachts] zeitlich vorzuziehen: dafür braucht man nämlich nicht auf eine Planfeststellung zu warten sondern kann sofort umsetzen
Ach ja, ... bereits vor längerer Zeit hatten wir in diesem Blog darauf hingewiesen, dass die Rechtsgrundlage, auf welcher die Deutsche Bahn lärmige Güterzüge fahren lässt, fragwürdig erscheint: es gibt bis heute keine Betriebsgenehmigung