Sonntag, 23. Oktober 2016

Baustellen und kein Ende in Sicht?

In den vergangenen Monaten wurde die Autobahn A8 ausgebaut: Zwischen dem Kreuz Stuttgart und dem Leonberger Dreieck wurde ein zusätzlicher vierter Fahrstreifen gebaut. Aus baurechtlichen Gründen sagen die Behörden "Verflechtungsstreifen" dazu, denn ein vierspuriger Ausbau war nicht planfestgestellt und verstößt obendrein gegen die RAA, der Richtlinie für die Anlage von Autobahnen. Außerdem wurde zwischen Leonberg und Heimsheim die nur 8 Jahre alte, aber völlig marode Straßendecke aus offenporigem Asphalt, dem sogenannten "Flüsterasphalt", erneuert.

Jede Menge Staus und Unfälle waren die Folge: Am 04.10.2016 schrieb Ulrike Otto in der Stuttgarter Zeitung über die "A8 bei Leonberg: eine Baustelle und ihre fatalen Folgen". Und am 10.10.2016 schrieb Wolf-Dieter Obst in den Stuttgarter Nachrichten zum gleichen Thema "A8-Baustelle bei Leonberg: Hoher Preis für eine neue Fahrbahn". Was dort berichtet wurde ...
  • viele Autofahrer waren von der unübersichtlichen Verkehrsführung, den komplizierten Markierungen und den vielen Schildern überfordert. Kreative Behörden erfanden deshalb ein neues Verkehrsschild, nämlich das bundesweit einzigartige Navi-Verbot
  • jeden Tag gab es Staus - oft mehr als 10 km
  • es krachte im Schnitt täglich: die Zeitungen meldeten 200 Karambolagen, 87 Verletzte, 2 Todesopfer
  • für die Baumaßnahmen waren laut der Leonberger Kreiszeitung vom 19.12.2014 bei der Plangenehmigung 13 Mio Euro veranschlagt; am 12.01.2016 wußten die Stuttgarter Nachrichten schon von 32 Mio Euro;  wie viel die Maßnahme am Ende wirklich gekostet hat, wäre spannend zu erfahren.
  • die Unfallschäden werden mit 2.5 mio Euro beziffert; die durch das Warten im Stau verloren gegangene Wirtschaftsleistung geht in den Bereich vieler zehn Millionen Euro.
Blick auf die Baustelle an der Wasserbachtalbrücke: Enge Fahrbahnen und Schilderwald
Nach der Sprengung der Brücke Rotes Staigle und dem Wegräumen der Trümmer war die A8 ab dem 16.10.2016 wieder offen (Stuttgarter Zeitung, 14.10.2016).


Wie lange hält der Flüsterasphalt?

 

Wir erinnern uns: der 2008 verlegte Flüsterasphalt war bereits nach drei Jahren marode (Stuttgarter Nachrichten 28.10.2011) und verfiel im Lauf der Zeit immer weiter. Deswegen fanden jedes Jahr Reparaturversuche statt und die Schlaglöcher in der Fahrbahn wurden mit Plomben gestopft. Diese Erfahrung hinderte die Behörden jedoch nicht daran, die aktuelle Sanierung erneut mit demselben wenig haltbaren Straßenbelag aus Flüsterasphalt duchzuführen.

Laut Stuttgarter Zeitung wusste das Management im Regierungspräsidium am 14.09.2014: "Der Flüsterasphalt ist doppelt so teuer wie der herkömmliche Splittmatix-Asphalt, hält aber nur halb so lange. ... Alternative: Höhere Lärmschutzwände." Das stimmt so. Aber: Aus Fehlern zu lernen ist eben nicht jedermanns Sache.

Man könnte jetzt fragen, wie während der Sanierung mit den bei früheren Reparaturversuchen eingebauten Plomben umgegangen wurde. Sind und bleiben diese alten Schadstellen in gutem Zustand oder werden sie in einem der nächsten Winter wieder aufbrechen? Wie wurden eigentlich die alten Schadstellen saniert? Hier ein paar Bilder zur Dokumentation:
Blick vom Lärmschutzwall nördlich Leonberg-Silberberg auf die Baustelle. Nach dem oberflächlichen Abfräsen des maroden Flüsterasphalts sieht man viele dunkle Flecken.

Sind das die alten Schadstellen? Der Unterbau der Plomben?

Die neue Straßendecke wurde in diesem Bild bereits auf der rechten Fahrbahnseite verlegt. Man sieht: die abgefräste Fläche wird einfach überteert, dunkle Flecken hin oder her


 

Wie geht's jetzt weiter?


Der Flüsterasphalt zwischen Leonberg und Heinmsheim muss bekanntlich alle 8 Jahre erneuert werden. Das kommt also spätestens 2024 wieder auf uns zu. Ob es schon vorher Frühausfälle und Reparaturen gibt, werden wir sehen.

Damit aber nicht genug. Ulrike Otto fragt in der Stuttgarter Zeitung vom 20.10.2016: "Leonberg/Gerlingen: Droht wieder ein Verkehrsinfarkt wie auf der A8" und schreibt am selben Tag über "Die Furcht vor der Operation am offenen Herzen": Von 2018 an soll bis 2022 im Engelbergtunnel gebaut werden. Eine durch Feuchtigkeit aufquellende Anhydritschicht im Berg drückt auf die Tunnelröhren. Laut jetzigem Plan kostet die Verstärkung 110 Mio Euro. Wir werden sehen, wie sich diese Zahl mit der Zeit entwickelt.

Verkehrsminister Hermann kommentierte: „Spurverengungen sind geradezu prädestiniert für Unfälle und Staus“. Da hat er natürlich recht. Der Fernverkehr wird sich also wieder durch Städte und Dörfer quälen. Jahrelang.

Übrigens ist das seit 1999 schon die vierte Sanierung wegen des Anhydrits. Was sagte einst der Bauleiter des Turms von Pisa? Da wird schon nichts schief gehen.
public domain (Quelle: Wikimedia Commons)