Sonntag, 7. Februar 2016

Feinstaubalarm in Stuttgart

Mitte Januar wurde in Stuttgart Feinstaubalarm ausgerufen: dort (aber nicht nur dort) übersteigen Luftschadstoffe wie Feinstaub und Stickstoffdioxid regelmäßig die gesetzlichen Grenzwerte. Einige Umweltverbände haben den Vorgang trefflich kommentiert (hier). Der Alarm wird bei bestimmten Wetterlagen ausgerufen, aber nicht wenn die Messungen Grenzwertverletzungen anzeigen. Es kann also vorkommen, dass Alarm ist und gleichzeitig die Luft gut ist. Es kann aber auch sein, dass die Luft schlecht ist, aber kein Alarm. Der Alarm ist auf die Stuttgarter Innenstadt beschränkt, im Gegensatz zur Luftverschmutzung. Die Vorschrift, nach der ein Feinstaubalarm ausgelöst wird, ist also durchaus merkwürdig. Eine Alibi-Aktion, weil Stuttgart von der EU verklagt wurde und man im Wahlkampf lieber keine wirksamen, aber unpopulären  Maßnahmen ergreifen wollte

Die Aufrufe hilfloser Politiker, bei austauscharmen Wetterlagen freiwillig auf das Auto zu verzichten, blieben - wer hätte es gedacht - wirkungslos. Es ist kein Wunder, wenn viele Leute das eigene Auto dem öffentlichen Nahverkehr vorziehen: denn der ÖPNV in Stuttgart ist teuer: wer von Leonberg nach Stuttgart-Mitte und zurück will, zahlt 10,20 €, das Einzel-Tagesticket kostet für diese 4 Zonen 10,80 €.
Über Tickets zum halben Preis bei Feinstaubalarm wird "nachgedacht"


Nur wer die App "moovel" nützt, kann derzeit - und auch nur - bei den ersten beiden Feinstaubalarmen zum halben Preis fahren.  Allerdings kann diese App u.a.: die SD-Karteninhalte auf Ihrem Handy ändern oder löschen, mit Ihrer Handy-Kamera Bilder und Videos aufnehmen, die Konten auf Ihrem Gerät verwenden, neue Konten und Passwörter festlegen, etc. Die App fordert vollen Netzwerkzugriff. Wollen Sie das?

   

Scheinkorrelation?
Stuttgart ist also nicht nur die deutsche Hauptstadt des Feinstaubs, hier gibt es auch den teuersten ÖPNV.  
Ein Jahresticket für die Strecke Leonberg-Stuttgart (4 Zonen, ca. 20 km Entfernung) kostet 1366,00 €. Zum Vergleich: die Berliner BVG berechnet für die Jahreskarte der Zone AB (gesamtes Stadtgebiet mit 3,4 Mio. Einwohnern und einem Durchmesser von ca. 60 km) 761,00 €. In München zahlt man für eine vergleichbare Entfernung 726,00 € für die Jahreskarte. In Stuttgart bezahlt man für umweltfreundliches Verkehrsverhalten also doppelt so viel wie in vergleichbaren deutschen Städten. Und selbst in New York City ist der ÖPNV günstiger, dort kosten zwölf Monatskarten für die Metro 1344 US$, das entspricht ca. 1200,00 €. Nun ja, aber was ist schon New York City im Vergleich zum "neuen Herzen Europas" (Werbung für den Stuttgarter Tiefbahnhof).
Wer solche Wucherpreise verlangt, der muss sich nicht wundern, wenn die Pendler wohlgemeinte Aufrufe ignorieren. (Sind wir nicht alle ein bisschen Schmiedel?)



Wie man es anders machen kann, hat die Stadt Wien vorgemacht: Wien (mit 1,75 Mio Einwohnern durchaus mit dem Stuttgarter Ballungsraum vergleichbar) hat ein Jahresticket zum Preis von 365,00 € eingeführt, das sind pro Tag 1,00 €. Die Wiener Politiker waren bereit für weniger Verkehr und mehr Lebensqualität in ihrer Stadt den ÖPNV kräftig zu subventionieren. Aber das war garnicht nötig, denn die Zahl der verkauften Jahreskarten ist daraufhin so stark gestiegen, dass die erwarteten Verluste kompensiert wurden. Und die nach Verkehrsmittel aufgeschlüsselten Zahlen (Modal Split) geben den Wiener Politikern Recht: Nur 27% der Wege werden in Wien mit dem PKW zurück gelegt, dafür aber 39% mit dem ÖPNV.


Das Umweltbundesamt veröffentlicht übrigens langjährige Trends: "Die Jahresmittelwerte der Stickstoffdioxid-Belastung haben bis zum Ende der 1990er Jahre abgenommen, seitdem stagnieren sie. An weit mehr als der Hälfte der verkehrsnahen Stationen überschreiten die gemessenen Stickstoffdioxid-Konzentrationen den seit 2010 einzuhaltenden Grenzwert". Auch in der Leonberger Grabenstraße wird der Grenzwert von 40µg/m³ für den Jahresmittelwert von Stickstoffdioxid mit 47µg/m³ deutlich verletzt. Die tatsächliche Belastung entlang der stark befahrenen Autobahnen ist unbekannt, weil es dort keine Messstation gibt. Auf entspechende Anfragen erteilt das Verkehrsministerium lieber keine brauchbare Auskunft. Steckt man den Kopf in den Sand, weil man sonst Maßnahmen ergreifen müsste?

 

... und hier die aktuelle Presseschau ...


Die Leonberger Kreiszeitung brachte am 25.01.2016 den folgenden Leserbrief:


Am 29.01.2016 berichtete Arnold Einholz in der Leonberger Kreiszeitung aus Rutesheim: "Bei Tempo 120 auf der A8 beißt die Stadt auf Granit". Rutesheim beantragte beim Regierungspräsidium Stuttgart eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf der A8, was abgelehnt wurde. Bürgermeister Dieter Hofmann komentiert: "Da beißen wir auf Granit. Unverständlich ist, dass es das Regierungspräsidium unverändert, wie schon bei zwei weiteren Rutesheimer Anträgen, ablehnt, eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf der A8 einzuführen, trotz der Nähe zu großen Wohnbebauungen". Der Beigeordnete Killinger sagte: "Die Gutachter für den Lärmaktionsplan vom Büro BS-Ingenieure haben immer wieder bestätigt, dass 120 Stundenkilometer vor allem nachts tatsächlich viel bringen würde". Rutesheim setzt sich für seine Bürger ein. Warum schweigt eigentlich die Stadt Leonberg?

Übrigens hilft ein Tempolimit nicht nur gegen den nächtlichen Lärm, sondern reduziert  die Belastung mit Luftschadstoffen, wie Feinstaub und Stickoxiden.