Sonntag, 18. Oktober 2015

Ein Tag im Herbst ...

In Leonberg wird demnächst der Lärmaktionsplanung zweiter Stufe verabschiedet. Er stellt fest, wieviele Leonberger von Straßen- und Bahnlärm übermäßig belastet werden und er enthält Maßnahmen zur Lärmminderung.

  • am 20.10.2015 findet dazu um 18:30 im alten Rathaus Eltingen eine Veranstaltung mit Dr. Gisela Splett, der für den Lärmschutz zuständigen Staatssekretärin im Ministerium für Verkehr und Infrastruktir statt (steht in dieser Pressemitteilung)
  • Der Lärmaktionspaln kann eingesehen werden. Folgende Unterlagen waren im Planungsausschuss der Stadt Leonberg am 08.10.2015 und im Gemeinderat am 13.10.2015: Eine Drucksache der Stadtverwaltung und eine Unterlage der Firma SoundPlan
  • Als nächstes erfolgt nun die in solchen Fällen vorgeschriebene Bürgerbeteiligung und danach soll der Lärmaktionsplan im Dezember oder Januar im Gemeinderat beschlossen werden.

Naturgemäß kann und soll sich jeder, der das möchte, an der Diskussion beteiligen.

Die Karten für den Straßenlärm gibt es bereits seit dem Jahr 2013 (man sieht: es hat leider ein wenig länger gedauert den jetzt vorliegenden Lärmaktionsplan anzufertigen). Die Karten für den Bahnlärm sind aber neu.

Belastung Leonbergs durch Straßenlärm (Quelle: LUBW, 2013):
nur wenige Hauptverkehrsstraßen wurden kartiert
der Autobahnlärm reicht bis weit in die Stadt
Belastung Silberbergs durch Bahnlärm (Quelle: Lärmaktionsplan 2015):
gelb und rot eingezeichnete Wohngebäude liegen oberhalb 
des Schwellwertes für "vordringlichen Handlungsbedarf"



Luftverschmutzung



In der Tageszeitung stand an diesem Wochenende ein Artikel über Stickoxide mit dem aparten Títel "Europameister der Stinker". Auch ganz ohne VW-Skandal ist in Deutschland die Luft giftiger als erlaubt. Weil unsere Regierung nichts dagegen unternimmt, ist die EU sauer. Das Umweltbundesamt gibt eine (lange geplante) Studie in Auftrag, um "umweltbedingte Krankheitslasten und Verkürzung der Lebenszeit durch NO2-Exposition" zu ergründen.

In Deutschland wurden im vergangenen Jahr an 60 Prozent aller verkehrsnahen Messstationen die gesetzlichen Grenzwerte für Stickstoffdioxid-Belastung überschritten. Wie sieht eigentlich die Belastung in der Fläche aus? Nun, das Rheinische Institut für Umweltforschung an der Universität Köln stellt täglich Karten mit der Belastung durch Luftschadstoffe ins Internet. Die Karten sehen interessant aus und sind ziemlich bunt.




Oben die Karte für das tägliche Maximum von Stickstoffdioxid (NO2) an einem Samstag. Wissen muss man, dass im Jahresmittelwert ein Grenzwert von 40µg/m³ erlaubt ist, der aber an vielen Messstellen deutlich überschritten wird. Stickstoffdioxid ist ein giftiges Gas, das bei heißen Verbrennungsvorgängen freigesetzt wird und das an feuchten Tagen, so wie heute, mit Luftsauerstoff und Wasserdampf zur Salpetersäure oxidiert. Was nicht in Form von saurem Regen herunterkommt, das wird vom Winde verweht. Bemerkenswert ist, wie klar man auf dem Mittelmeer und der Nordsee die Schifffahrtsstraßen erkennen kann. Gut sichtbar ist auch ein roter Streifen, der von Lyon südlich bis nach Marseille reicht. Vermutlich sieht man da die Emissionen der Rhonetal-Autobahn, der von den Franzosen sogenannten Route de Soleil.  Der Raum um Stuttgart ist tiefrot. Dunkelrot gefärbt, aber in dem vielen Hellrot weniger gut definiert sieht man auch die vielbefahrene Autobahnstrecke von Karlsruhe nach Frankfurt. 


... zum Schluss ...

Im VW-Skandal zeigt sich nun das, was eigentlich alle wissen: Auch andere Hersteller haben unrealistische Angaben zum Schadstoffaustoß ihrer Autos gemacht (allerdings - cleverer als VW - völlig legal). Der Guardian berichtet, dass von 200 getesteten Fahrzeugen gerade mal 5 korrekte Werte genannt hatten, die auch im realen Betrieb in Straßenverkehr stimmen.

Von einem Ingenieur hier zum Schluss noch eine Polemik: "Mein Freund der Softwarebetrüger"







Sonntag, 4. Oktober 2015

Ein offener Brief

Die Arbeitsgemeinschaft Verkehrslärm Region Leonberg (AGVL),  das Klima- und Umweltbündnis Stuttgart (KUS) und der Verkehrsclub Deutschland (VCD) schrieben am 27.09.2015 gemeinsam einen offenen Brief an Verkehrsminister Hermann. Das Schreiben hat folgendes Anliegen: Beim sog. Dieselgate wurde bekannt, dass der VW-Konzern schon seit Jahren mittels Software die Abgaswerte der Dieselfahrzeuge auf betrügerische Weise manipuliert Darüber hinaus ist aber auch schon seit Jahren bekannt, dass die Zulassungstests zur Einhaltung der Abgasgrenzwerte untauglich sind, da diese Tests unter Laborbedingungen stattfinden, die mit dem realen Fahrbetrieb nur wenig zu tun haben. Das betrifft nicht nur VW, sondern alle Automobilhersteller. Eine Folge solcher Tricksereien ist, dass die meisten Messungen von Schadstoffen wie Stickstoffdioxid erheblich oberhalb der Prognosen liegen und vielerorts - bekanntlich auch bei uns in Leonberg - die Grenzwerte überschritten sind. Eine weitere Folge ist, dass sämtlich Berechnungen der Immissionen (z.B. die Belastung in Wohngebieten oder Krankenhäusern) zwangsläufig falsch sind, weil sie ja auf nachweislich falschen Annahmen über die Emissionen beruhen. Solche Berechnungen sind aber Grundlage von Planfeststellungsverfahren, die u.a. dazu dienen Straßenbauvorhaben zu genehmigen. Die Forderungen in dem oben verlinkten Brief sind einfach und leicht zu verstehen:

  • Anwendung realitätsnaher Tests für Abgasmessungen 
  • Überwachung der Abgasvorschriften durch eine unabhängige Stelle
  • Neuberechnung der Belastungen durch Luftschadstoffe
  • Maßnahmenpläne für Orte, wo die Grenzwerte verletzt werden
  • Tempo 100 auf Schnellstraßen und Autobahnen in der Region Stuttgart als Sofortmaßnahme


Weiterführende Lektüre

Leonberg bundesweit auf Platz 15 bei der NO2-Belastung

  • SPON 03.10.2015: laut Spiegel weiß unsere Bundesregierung, dass viele Grenzwertverletzungen auf jene betrügerische Manipulationen zurückzuführen sind. "Im Jahr 2013 beispielsweise wurde das NO2-Limit an 29 Messstationen bundesweit nicht eingehalten - unter anderem in Stuttgart, München und Köln. Die Bundesregierung führt die Grenzwertüberschreitungen in Ballungsgebieten "wesentlich" auf Diesel-Pkw zurück, die im realen Betrieb auf der Straße deutlich mehr Stickoxide ausstoßen als auf dem Prüfstand. Dies teilte sie auf eine Anfrage der Bundestagsabgeordneten Bärbel Höhn (Die Grünen) mit."
  • Der niedersächsische Wirtschaftsminister, der gleichzeitig Konzernaufsichtsrat ist, wirft  am 30.09.2015 im Spiegel dem VW-Konzern kriminelles Verhalten vor. Damit hat er gewiss recht, aber sollen sich Politiker und Aufsichtsräte wirklich mit solch wohlfeilem Gerede so leicht aus ihrer Verantwortung stehlen dürfen? VW-Chef Winterkorn musste gehen. Dass irgendein Politiker hier Verantwortung übernimmt, brauchen wir eher nicht zu erwarten. Auch Bundesverkehrsminister Dobrindt war angeblich ahnungslos, heißt es am 23.09.2015 in der Zeit, aber immerhin erteilt er gute Ratschläge und gründet vorsichtshalber eine Untersuchungskommission gemäß der bewährten Manager-Weisheit: Wenn ich nicht mehr weiter weiß, dann gründ' ich einen Arbeitskreis.
  • Die FAZ vom 03.10.2015 weiß: "VW-Abgasskandal: Es waren nicht nur ein paar kriminelle Entwickler" sondern "der Konzern habe systematisch Kunden und Behörden getäuscht". Es waren also keine verwirrten Einzeltäter, sondern mit vollem Vorsatz handelnde Betrüger. Ingenieure haben zumeist ein klares  Gespür dafür, was richtig oder falsch ist. In großen Firmen läßt sich ein jeder, der einen Regelbruch begeht, ein solches Verhalten von seinen Vorgesetzten absegnen. Entsprechende belastende Papiere werden zumeist sorgfältig abgelegt und aufbewahrt. Und wenn sie nicht geschreddert sind, dann gibt es sie noch heute ... Insofern haben die Revisionsabteilungen jetzt einiges zu tun ... Und das nicht nur bei VW. Nicht die deutsche Ingenieurskunst hat versagt, sondern das Gewissen der Manager.
  • Die Computer-Zeitschrift ct schreibt am 02.10.2015 "Von Schummeleien bei Autos, Benchmarks und Bilanzen".  Neben dem Betrug bei den Abgaswerten von Autos gibt es auch schon seit langem Manipuliationen bei Messungen der Rechenleistung von Computern oder dem Energieverbrauch von Handys, indem die Hersteller Spezialsoftware einsetzen, welche Testsituationen erkennt und das Verhalten des Gerätes "optimiert". Wir lernen von Lenin: "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser". Jedenfalls dann, wenn eine unabhängige und unbestechliche Kontrollinstanz vorhanden wäre.
  • Und falls hier noch jemand glaubt, Luftschadstoffe im Abgas seien harmlos: Die Stuttgarter Zeitung schrieb am 16.09.2015: "Luftverschmutzung fordert jährlich Millionen Tote". Auch die Süddeutsche berichtet am 22.09.2015 ausführlich über die gesundheitlichen Risiken. Das Max Planck Institut für Chemie führt jährlich über 34.000 Todesfälle in Deutschland auf Luftschadstoffe zurück. Laut dem Umweltbundesamt ist die dominante Quelle für Feinstäube und Stickoxide der Straßenverkehr. Menschen sterben also nicht nur irgendwo am anderen Ende der Welt z.B. in China, sondern auch hierzulande. Und es sterben mehrfach soviele Menschen an der verkehrsbedingten Luftverschmutzung als an Verkehrsunfällen. Tod durch Atmen.
Quelle: Stuttgarter Zeitung



... und hier noch das Letzte



auf unserem Briefkasten klebt gut sichtbar ein Aufkleber mit der Bitte keine Reklame einzuwerfen. Eigentlich meinen wir das auch so.

Neulich fanden wir eine nicht bestellte, zu Werbezwecken eingeworfene BILD-Zeitung. Auf Neudeutsch nennt man das eine Spam-Mail.

Auf der ersten Seite prangen direkt untereinander das BILD-Logo und das VW-Logo. Sodann bedankt sich irgendjemand für Treue. Schön, oder? 

Treue hat etwas mit Vertrauen zu tun. Manche Leute unterstellen BILD (schon seit vielen Jahren) und VW (jetzt neuerdings), dass sie es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen. Es hapert also am Vertrauen.

Wir erinnern uns deshalb anläßlich des Tags der Deutschen Einheit und beim Blick auf diese Spam-Mail an das geflügelte Wort von Willy Brandt: "Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört"

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Update:

In den USA kursiert nach einer Recherche des Wall Street Journal vom 29.09.2015 die Meinung, dass der Clean Air Act (das ist das Gesetz zur Luftreinhaltung von 1970) ein rechtliches Schlupfloch beinhaltet, welches VW Möglichkeiten bietet einer teuren Strafe zu entgehen. Das steht auch hier. Die Amerikaner fragen ferner nach der Rolle von Ferdinand Piech bei dem Betrug. Außerdem werden Messergebnisse gezeigt, wie stark der Grenzwert im realen Fahrbetrieb verfehlt wird. Solche Zahlen, Daten, Fakten möchte man gerne auch für Europa sehen ...