Montag, 21. September 2015

Europa - nichts für Weicheier


Darstellung eines weichgekochten Eies im Becher
(Georg Flegel: Stillleben mit Nelke, ca. 1630)


Das weiß ein jeder, wer's auch sei: gesund und stärkend ist das Ei

(Wilhelm Busch)


Wenn man in einem Hotel übernachtet und zum Frühstück ein weichgekochtes Ei haben möchte, dann geschieht bisweilen Merkwürdiges:
  • puritanische Häuser servieren ein hartes Ei und erklären ihren Kunden, dass die EU das Weichkochen von Eiern verboten habe
  • in anarchistischeren Gegenden (dazu zählen nach unserer Erfahrung: Bayern, Berlin und Frankreich) wird derartiger Unfug einfach ignoriert und jeder kriegt sein Ei, so wie er möchte
  • feine feige Hotels pullen einen Pilatus: statt weiche Eier aus der Hotelküche zu servieren, werden am Frühstücksbuffet rohe Eier und ein Eierkocher bereitgestellt. Falls in dieser Konstellation vorschriftswidrig weiche Eier entstehen sollten, dann wäscht der Hotelmanager seine Hände in Unschuld, 
  • in Ostfriesland gibt es weiche Eier gegen eine unterschriebene Einwilligungserklärung, so berichtet jedenfalls die Allgemeine Hotel und Gastronomiezeitung

Was genau vorgeschrieben ist, das ist eher schwer herauszufinden, wie man beispielsweise in diesem durchaus kontrovers geführten Meinungsstreit sieht: "Sind weiche Eier zum Frühstück in Deutschland verboten?". Die EU, jedenfalls, findet immer wieder solch bürgernahe Betätigungsfelder ...


Alte Güterwaggons verursachen den größten Teil
des Lärms auf Eisenbahnstrecken. Sie gehören mit
neuen Flüsterbremsen ausgerüstet. (Quelle: ProRheintal


Deutschland soll ausgebremst werden


Die FAZ meldet am 28.08.2015: "EU-Verkehrskommissarin Violeta Bulc hat ... die Bundesrepublik Deutschland gemahnt, bei möglichen Beschränkungen des Bahnverkehrs zum Schutz der Bürger vor unzumutbaren Lärmbelastungen nicht isoliert vorzupreschen, sondern auf eine gesamteuropäische Lösung nach 2022 zu warten." Na klar: wo kämen wir denn hin, wenn jetzt Einzelne beim Schutz der Bürger vorpreschen, oder? Auslöser dieser Angelegenheit ist, dass es bei uns in Deutschland eine Vorschrift gibt, bis spätestens 2020 die rund 180.000 Güterwaggons auf lärmarme Bremsen umzurüsten. "Für weiterhin laute Güterzüge soll danach ein Fahrverbot gelten." Wir berichteten hier darüber - im Juli 2011. Kaum vier Jahre später mischt sich also Brüssel ein und fordert "zu warten".

Warum mauert die EU-Kommissarin? Die Gründe dafür sind einfach zu verstehen und das Portal Eurotransport.de zitiert dazu die Bürgerinitiativen aus dem Rheintal: "In Deutschland habe man zumindest erreicht, dass bis 2016 die Hälfte der Fahrzeuge, die in Deutschland verkehren, umgerüstet sein müssen und, dass ab 2020 kein Fahrzeug mehr mit Graugussbremsen mehr fahren dürfe. Rein rechtlich, so Pro Rheintal, seien Fahrverbote sowohl nach deutschem als auch nach EU-Recht möglich. Die EU mache sich zum Sprachrohr der Bahnlobbyisten und verhindere effektiven Lärmschutz. Die Initiative macht auch die Waggonhalter für die Diskussion verantwortlich. Diese pokerten, obwohl sie mittlerweile von Staat und EU jeweils einen dreistelligen Millionenbetrag für die Umrüstung bekämen." Aha, es geht also ums liebe Geld, um Subventionen. Wir beobachten hier die geldgierigen Lobbyisten bei ihrer Arbeit! Und die EU-Kommissarin Violeta Bulc spielt tatsächlich mit bei diesem Spiel gegen die Bürger? Warum eigentlich?


Elihu Vedder: Corrupt Legislation, Lobby to Main Reading Room,
Library of Congress Thomas Jefferson Building, Washington D.C., 1896


Eine ehrenwerte Gesellschaft ...


Es gibt weitere Beispiele, wie die EU gegen Bürgerinteressen agiert. Die Zeit rechnet uns vor, dass die Firma Apple mit deren iPhones in den letzten Jahren in Europa 8 Milliarden Euro Steuern gespart hat, indem Apple die Gewinne in Niedrigsteuerländern, wie Irland oder Luxemburg entstehen lässt, anstatt sie in den Ländern zu versteuern, in denen sie real angefallen sind. Neben Apple haben viele weitere Unternehmen ihre Besteuerung - sagen wir mal - kreativ gestaltet: z.B. Amazon, FedEx, IKEA, Pepsi, Procter&Gamble, Deutsche Bank, E.ON ... Die dazu notwendige trickreiche Buchhaltung ist vollkommen legal. Warum? Weil die Regierungen und die EU dafür gesorgt haben. Ach ja: War nicht der heutige EU-Kommissionspräsidänt Juncker in seiner Zeit als Luxemburger Regierungschef maßgeblich an der Legalisierung solcher Gestaltungsmethoden beteiligt?

Die Frankfurter Rundschau berichtet, dass die EU-Kommissarin Cecilia Malmström das umstrittene Freihandelsabkommen TTIP retten möchte. Neu ist dabei ihr Vorschlag anstatt geheimer Schiedsgerichte unabhängige Gerichte mit bezahlten (!) Richtern zum Klären von Streitigkeiten einzusetzen. Bedeutet das etwa, dass die Richter der geheimen Schiedsgerichte im Rahmen des seitherigen Konzeptes "pro bono", also ohne Bezahlung arbeiten würden? Wohl kaum. Woher kommen dann die Gehälter der vorgesehenen "freien Schlichter"? Wie heißt es doch so schön in einer volkstümlichen Redensart: "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing". Die Zeitung schreibt weiter: "Von einem „völlig neuen Verfahren – transparent und demokratisch“, sprach die EU-Handelskommissarin." Ja, prima ... aber wie darf man denn diese Aussage interpretieren? Dass das seither von den EU-Politikern favorisierte Konzept intransparent oder undemokratisch oder gar beides war? Warum hat diese von uns Bürgern nicht gewählte, aber großzügig bezahlte EU-Kommissarin bis gestern versucht ein undemokratisches Verfahren durchzudrücken?

Abseits solcher Skandale profiliert sich die EU gerne auch mit Absurditäten: Unvergesslich bleibt uns die 2009 außer Kraft gesetzte Gurkenkrümmungsverordnung und der 2014 gescheiterte Versuch eines Olivenölkännchenverbotes.


Der Chef: EU-Kommissionspräsident Juncker

Ich habe fertig!

(... das sagte einst Giovanni Trapattoni ...)


Aktuell steht Europa vor riesigen Herausforderungen: die größte Flüchtlingsbewegung nach bzw. innerhalb Europas seit dem Jugoslawienkrieg der 90er-Jahre, einer nach wie vor ungelösten Griechenlandkrise, 50% Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa usw. Europa versagt hier kläglich. Die Tageszeitung brachte dazu einen zornigen und lesenswerten Kommentar. Zitat daraus:

"Ein postdemokratisches, neoliberales Kuddelmuddel nationaler und oligopolistischer Interessen, ein Experimentierfeld für neue Regierungs- und Verwaltungsformen jenseits demokratischer Legitimierung; gegenseitige ökonomische Erpressung bis an den Rand von Wirtschafts- und Bürgerkrieg; Lobbyismus und Verschmelzung von Politik und Wirtschaft in groteskem Ausmaß; eine Politik, in der Banken wichtiger sind als Menschen; eine Regierungsform, die über das Schicksal der Gesellschaften in Geheimverhandlungen zum TTIP bestimmt, jenseits der Parlamente, jenseits der Öffentlichkeit: Ein Europa, das als Eurozone auf den Hund gekommen ist."

Verglichen mit solchen brennenden Probleme ist der ärgerliche Versuch einer weitgehend unbekannten EU-Kommissarin namens Violeta Bulc den Schutz der Bürger vor dem Bahnlärm zu verhindern eigentlich nicht einmal eine Randnotiz wert. Aber: auch dieser Vorgang passt ins desolate Bild ... 


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Zum Ende hier noch ein aktuelles Video von einer Pressekonferenz mit dem Freiburger Fußballtrainer Christian Streich. Er denkt vor laufender Kameral laut über Flucht und Vertreibung nach. Acht Minuten lang in freier Rede. Ein Trainer muss sagen (können), was Sache ist, und zwar so, dass es ankommt. Bei jedem. Chapeau!

Freitag, 4. September 2015

Landflucht, Lärmschutz und eine innovative Methode zum Sanieren von Schlaglöchern ...

Die ersten beiden Abschnitte handeln von Erdkunde und sind eher schwere Kost - es geht dort um Zahlen und Statistiken. Wer sich davon allzu herausgefordert fühlt, der möge zum Feuilleton weiterblättern.


Landflucht?


Das Handelsblatt hat bei Google eine interaktive Landkarte eingestellt mit dem Titel "Deutschlands Dörfer: älter, ärmer, leerer", die uns zum Herumstöbern einlädt. In den Farben Rot/Gelb/Grün sind Gemeinden eingezeichnet, die schrumpfen/stagnieren/wachsen. Wenn man die Karte zoomt und einzelne Gemeinden anklickt, dann sieht man Daten zur Entwicklung der Bevölkerungszahlen, Gewerbesteuer usw. Da fällt zunächst auf, dass man vielerorts im flachen Land rot sieht. Deutschland leidet also unter einer regelrechten Landflucht. Grün, d.h. Wachstum, sieht man hingegen vorzugsweise in Bayern, sowie an ein paar Orten rund um Stuttgart, Freiburg, Heidelberg und Frankfurt.


Quelle: Handelsblatt


Eine amtliche (und ebenfalls interaktive) Karte gibts dazu beim Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung. Wir zoomen in unsere Gegend (Achtung, die Farben sind anders definiert als beim Handelsblatt). Wer die hinterlegten Zahlen, Daten und Fakten studieren möchte, sollte in die Originalkarte gehen - ein Blick in die Zahlen lohnt sich:




Die Großstädte Stuttgart, Böblingen und Pforzheim wachsen stark, ferner Heckengäu und Rutesheim, was man als Nachbar in den letzten Jahren auch deutlich vor Ort sehen kann. Leonberg und viele Gemeinden im Nordschwarzwald sind dagegen blau eingezeichnet - sie schrumpfen.


Lärmschutz


Quelle: Hersteller
Forscher aus dem Karlsruher Institut für Technologie KIT teilten 2012 mit, dass mit Pflanzen begrünte Wände gegen Lärm und Luftverschmutzung helfen. Inzwischen gibt es käufliche Produkte. Wir sind nun gespannt, wann und wo wir diese im realen Einsatz sehen: wahrscheinlich dort, wo das Wachstum stattfindet: in Bayern also oder vielleicht in Rutesheim ... 

Das Bundesministerium für Verkehr (BMVI) hat Statistiken über Lärmschutz an den Bundesfernstraßen herausgegeben. Der Vergleich zwischen Bayern und Baden-Württemberg erschien uns interessant. Deshalb hier ein paar Zahlen dazu. Deutschland hat insgesamt 12917 km Autobahnen, davon liegen 1054 km in Baden-Württemberg und 2515 km in Bayerm (Quelle: Statisches Bundesamt). In den Statistiken des BMVI findet man nun, wie hoch der Zuwachs bei den Lärmschutzwällen über die Jahre war. Natürlich müssen wir fairerweise diesen Zuwachs durch die im jeweiligen Land liegenden Autobahnkilometer dividieren, denn wer weniger Autobahn (BaWü) hat, der braucht auch weniger Lärmschutz. Gerechnet per Autobahnlänge zeigt sich ein jährlicher Zuwachs von 0.2% bis 0,5%. Bis alle Autobahnen Lärmschutzwälle haben, würde es es also beim jetzigen Tempo rein rechnerisch weit mehr als 100 Jahre dauern (wobei natürlich niemand die Absicht hat so viele Wälle zu bauen).


Baden-Württemberg (dunkelgrau) baute im langjährigen Mittel pro Autobahnkilometer bloß halb so viele Lärmschutzwälle wie Bayern (hellgrau). Deshalb gibt es hierzulande 61 km Lärmschutzwall, verglichen mit 328 km in Bayern. Bei den Lärmschutzwänden finden wir hingegen einen Bestand von 166 km in Baden-Württemberg gegenüber 254 km in Bayern. Auf die Länge der Autobahnen gerechnet haben da die Schwaben also ihre Nase durchaus vorne. Baden-Württemberg investiert somit lieber in Lärmschutzwände als in Lärmschutzwälle. Lärmschutzwälle sind allerdings in der Regel kostengünstiger als Lärmschutzwände. Die Schwaben investieren also - entgegen ihrem Ruf - lieber in die teurere Lösung? Warum eigentlich? Rechnet man nun die Strecken mit Lärmschutzwällen und Lärmschutzwänden zusammen, so zeigt sich, dass Baden-Württemberg heute auf 21.6% und Bayern auf 23.3% seiner Strecken Lärmvorsorgemaßnahmen installiert hat. Betrachten wir nun die Kosten dafür:

Man sieht, dass die Bayern in den vergangenen zehn Jahren eher stetig in den Lärmschutz investiert haben, während Baden-Württemberg vor zehn Jahren erst langsam und zögerlich anfing. Weil die Bayern in die kostengünstigeren Lösungen investiert haben, gibt es dort insgesamt gesehen jedenfalls mehr Lärmschutz als in Baden-Württemberg, wo man das Geld bevorzugt in teure Lösungen gesteckt hat und deshalb auch weniger für sein Geld bekommen hat. In der Bankenkrise 2008/2009 wurde überall wenig gebaut. Danach aber hat man in Baden-Württemberg ab 2011 Gas gegeben und recht viel Geld ausgegeben. Jetzt wäre interessant zu wissen, wo das viele Geld im einzelnen investiert wurde. Der Ausbau der A8 zwischen Leonberg und Heimsheim erfolgte jedenfalls vor 2008, als hierzulande weniger Geld in Lärmvorsorge gesteckt wurde. Die Anwohner können das hören. Jeden Tag.


Auch in Weissach und Flacht, so berichtete die Leonberger Kreiszeitung am 24.08.2015.


Stuttgart fällt zurück

Bis neulich war Stuttgart die Stauhauptstadt Deutschlands. Unsere Region fällt aber zurück. Das steht jedenfalls im Spiegel Online vom 24.08.2015.


Und jetzt noch das Letzte in Kürze



Quelle: Twitter und WJTV vom 21.08.2015
In diesem Blog war schon häufiger die Rede über marode Straßen und wie man diese reparieren sollte. Aus Jackson, der größten Stadt in Mississippi, kam nun ein kreativer Vorschlag von Bürgermeister Tony Yarber: Er möchte seine Schlaglöcher durch Beten sanieren.

Solche innovativen und doch kostengünstigen Ideen aus Amerika fehlen unseren Straßenbaubehörden, oder?

Yarber ist übrigens Pastor der "Relevant Empowerment Church" (alleine schon der Name dieser Kirche klingt prima - sie kümmert sich mit Macht um die relevanten Dinge). Yarber erinnert uns in der Haltung seiner Hände an irgendjemanden Berühmtes ...



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Danke an die Hinweisgeber auf die hier verwendeten Links





Silberberger Sommerabend

... bald ist wieder Silberberger Lichterfest