Samstag, 8. August 2015

Kamele können nicht irren ...



Fotothek df ps 0002248 StraßenbauZwischen Leonberg und Heimsheim soll im April 2016 für 16 Mio Euro der 2008 ausgebrachte Fahrbahnbelag aus offenporigem Asphalt (alias Flüsterasphalt) erneuert werden (LKZ 05.08.2015: "Der Opa hat mittlerweile das Flüstern verlernt").


Das lädt uns zu einem Vergleich ein: der Flüsterasphalt muss nach nur acht Jahren komplett erneuert werden. Andererseits: Es gibt am Leonberger Dreieck auch noch alte Betonplatten aus der Zeit des ersten Autobahnbaus 1936, die jetzt ebenfalls ausgetauscht werden. Diese haben also 80 Jahre lang gehalten, zehnmal so lange wie der Flüsterasphalt. 


Camels at GizaAch so: das Regierungspräsidium Stuttgart weiß übrigens auch schon, dass man acht Jahre später, also 2024, die Fahrbahn erneut erneuern muss, weil der 2016 zu verlegende Flüsterasphalt bis dahin auch wieder marode sein wird. 


Ob es vielleicht auch intelligentere Lärmschutzmaßnahmen gibt als periodisch den Flüsterasphalt zu erneuern? 16 Mio Euro sind eine Menge Geld. Straßenbaufirma müsste man sein ...


Hierzu verlinken wir gerne die Glosse "Autobahn in wild" aus der Tageszeitung vom 05.08.2015. Dort steht ein konstruktiver Vorschlag an unsere Straßenbauer: "Wenn sie ein starres Material nehmen, auf das jeden Tag tausende Tonnen einwirken, dann bricht das irgendwann. Sand ist das Fahrbahnmaterial der Zukunft. Ich war in der Wüste! Millionen Kamele können nicht irren. Sand ist flexibel und passt sich an jedes Kamel an."



Auf der A8 besteht beim Leonberger Dreieck die Gefahr von Hitzeschäden, sogenannten Blow-ups (StZ, 05.08.2015). Am Provisorium Lückenschluss B295/B464 bei Renningen da ist die Fahrbahn jetzt schon kaputt (LKZ, 07.08.2015). Ursache: natürlich die Hitze. Erst neulich neu gebaut und schon muss wieder saniert werden. Hätten die doch vor dem Bauen bloß mal einen gefragt, der Bescheid weiß - dann läge dort Sand, der keine Blasen wirft. Und alle Kamele würde das freuen.





Update vom 15.08.2015:

Laut den Stuttgarter Nachrichten vom 13.08.2015 und dem SWR verkündete ein Sprecher von Verkehrsminister Hermann, dass die zu Blow-ups neigenden Autobahnen in den kommenden 5-10 Jahren saniert werden sollen. 270 km Fahrbahn müssen für geschätzte 300 mio Euro erneuert werden. Unter anderem will man Dehnungsfugen einbringen. Warum eigentlich nicht gleich so? Wieso haben unsere Straßenbauer die Dehnungsfugen vergessen? In meinem Badezimmer hat der Fliesenleger schon vor Jahrzehnten Dehnungsfugen eingebaut ...

Der Focus berichtet am 14.08.2015, dass in China jährlich 1,6 Millionen Menschen durch die Luftverschmutzung sterben, also erschreckende 4.400 an jedem einzelnen Tag. Das sind insgesamt 17% aller Todesfälle. Der Feinstaub verursacht Herzinfarkte, Schlaganfälle, Lungenkrebs und Asthma. (Natürlich ist es in China erheblich schlimmer als in Deutschland wegen der Kohle.)

Laut Spiegel Online installiert man deshalb in China neuerdings Luftreiniger, die wie Bushaltestellen aussehen und den Feinstaub aus der Luft ausfiltern. Dort können Passanten dann eine Lunge frischer Luft atmen.



Update vom 22.08.2015

Hier noch ein aktueller Artikel der Stuttgarter Nachrichten vom 21.08.2015: "Autobahnen werden saniert: Kampf den Blow-ups".


Update vom 26.08.2015

Die Leonberger Kreiszeitung berichtet, dass das Land die Sanierung und den Ausbau der Autobahn auf 8 Spuren bei Leonberg beim Bundesverkehrsministeium mit "hoher Dringlichkeit" angemeldet habe. 


Sonntag, 2. August 2015

Antworten auf Anfragen

Die Leonberger Abgeordnete Sabine Kurtz stellte am 08.04.2015 zwei Kleine Anfragen an unsere Landesregierung:
  • Drucksache 15/6715: Lückenschluss Bundesstraßen B295/B464 bei Renningen
  • Drucksache 15/6714: Bau eines Verflechtungsstreifens an der Autobahn A8/A81 zwischen dem Autobahnkreuz Stuttgart und der Anschlussstelle Leonberg-Ost
Geantwortet haben mit Schreiben vom 04.05.2015 der Minister Hermann für Verkehr und Infrastruktur zum Thema Lückenschluss und seine Staatssekretärin Dr. Splett zum Thema Verflechtungsstreifen. Hier unsere Kommentare dazu:

Lückenschluss

 

Eine der Fragen war, welche Maßnahmen vorgesehen sind, um zu vermeiden, dass die Strecke auf der B295/B464 zwischen Leonberg-West und Böblingen-Hulb als Ersatzautobahn bzw. als Bypass für die Strecke über die A8/A81 und über das Stuttgarter Kreuz genutzt wird. In der Antwort heißt es zum einen, dass die Strecke dafür nicht geplant worden sei (prima - dann kann ja nichts passieren!) und weiterhin: "Im Vergleich ist eine Fahrtroute über die überwiegend einbahnigen Bundesstraßen B 295 und B 464 für die Verkehrsteilnehmer/-innen keine sich aufdrängende Alternative". Hätte der Herr Minister vor seiner Antwort doch anstelle seiner Mitarbeiter einfach mal sein Navi konsultiert ...
Unser Navigationssystem drängt uns auf, von der A81 in Richtung Leonberg die "Ersatzautobahn" zu nutzen
Auf die Frage, wie lange jenes Renninger Provisorium noch bestehen soll und auf welcher Rechtsgrundlage dieses eigentlich beruht, wird nur ausweichend geantwortet. Die Verkehrsstärke von 24.700 Kfz/Werktag im Jahr 2005 soll sich jedenfalls laut Prognose auf 48.000 Kfz/Werktag im Jahr 2025 verdoppeln. Das entspricht in etwa der Belastung auf einer Autobahn. Lärm- und Schadstoffprognosen gibt es allerdings bis heute noch nicht. Fehlanzeige - und das nach so vielen Jahren Planung!
Unsere Behörden kennen keine Eile: zumindest nicht beim Prognostizieren von Umweltbelastungen
Die Leonberger Kreiszeitung berichtete am 29.07.2015: "Lärmschutzwände werden sehr teuer". Und außerdem: "Durch den Ausbau der Straßen hat der Autoverkehr um 36 Prozent und der Schwerlastverkehr um 115 Prozent seit 2011 zugenommen – das hat der Verkehrsplaner Dieter Stahl vom Büro IGV berechnet." Eine Zunahme von 36% und 115% in vier Jahren! Tatsächllich keine Ersatzautobahn, Herr Minister Hermann? Hinter welchem Mond liegt eigentlich Ihr Vekehrsministerium?

 

Verflechtungsstreifen


Breckwoldt-prüfung
Skulptur "Prüfung", St Nicolai Hamburg via Wikimedia
Die Verkehrsbelastung zwischen dem Kreuz Stuttgart und Leonberg-Ost betrug 139.900 Kfz/Werktag im Jahre 2005 und steigt laut Prognose bis 2025 auf 170.100 Kfz/Werktag. Staatssekretärin Splett schreibt dazu: "Die prognostizierten Verkehrsmengen auf der A8 zwischen dem AK Stuttgart und der AS Leonberg/Ost erhöhen sich nur im Rahmen der allgemeinen Mobilitätsentwicklung. Daher führt der Bau des Verflechtungsstreifens zu keiner Verschlechterung der Luftschadstoffsituation im Vergleich zum Prognose-Nullfall. Dies gilt auch für die Luftschadstoffbelastung am Leonberger Dreieck." Diese Argumentation ist unlogisch: Der Verkehr steigt also um rund 22% (aus welchen Gründen auch immer). Wie kann Frau Dr. Splett nun eigentlich hieraus folgern, dass  es "daher ... zu keiner Verschlechterung der Luftschadstoffsituation" kommt? Für diese Art von Logik muss man wahrscheinlich einen Doktor haben. Non sequitur! Der Dreisatz lehrt uns: Mehrverkehr führt zur Mehrbelastung.

Die Leonbeger Kreiszeitung brachte am 31.07.2015 ein Zitat von Verkehrsminister Hermann: "Es geht darum, die Mobilität im Zeichen der Nachhaltigkeit zu sichern und die Kapazität der Straße zu erweitern". Also: in Wirklichkeit soll die Kapazität durch einen achten Fahrstreifen erhöht werden. Dagegen spricht auch eigentlich nichts, wenn man dabei gesetzliche Grenzwerte und Richtlinien einhält. Um kompetent zu ermitteln, wo Handlungsbedarf besteht und wirksame Maßnahmen einzuleiten, wäre eine Umweltverträglichkeitspüfung (UVP) durchzuführen. Eine solche erfolgte aber nicht, schreibt Dr. Splett in ihrer Antwort auf die Anfrage. Denn: "In einem Fachgutachten wurde ermittelt, dass für das Vorhaben keine Umweltverträglichkeitsprüfung erforderlich ist." Dann ist ja alles in Ordnung: Wir haben ein Gutachten machen lassen, dass man kein Gutachten braucht.


Man muss nur feste daran glauben ... (via schleckysilberstein)
Wie sieht es nun hier mit der Baugenehmigung aus? Die Behörden fassten den Beschluss, dass zur Erlangung des Baurechts nur eine Plangenehmigung anstatt eines Planfeststellungsverfahrens durchzuführen war. In diesem (und nur in diesem) Fall kann man bei Autobahnbauten auf eine Umweltverträglichkeitsprüfung verzichten. Was war die Begründung dafür? "Mit der Anlage des Verflechtungsstreifens wird kein durchgehender Fahrstreifen im Sinne der Verkehrslärmschutzrichtlinie (VLärmSchR 97) geschaffen. Der Bauanfang liegt nordwestlich des AK Stuttgart, am Ende des Einfädelungsstreifens. Das Bauende liegt im südlichen Widerlagerbereich der Rohrbachtalbrücke (Friedensbrücke) rd. 1.000 m vor dem Beginn des Ausfädelungsstreifens an der AS Leonberg/Ost."  Diese Argumentation ist ernstlich skurril: Wenn die Baumaßnahme umgesetzt ist, dann sehen die Autofahrer einen durchgängigen Fahrstreifen. Ein solcher wird allerdings aus Sicht von Frau Dr. Splett nicht neu geschaffen. Die Staatssekretärin argumentiert vielmehr, dass einige Teile des durchgängigen Fahrstreifens, nämlich der Ein- und Ausfädelstreifen bisher schon da sind. Und deshalb gilt: "Mit der Anlage des Verflechtungsstreifens wird kein durchgehender Fahrstreifen im Sinne der Verkehrslärmschutzrichtlinie (VLärmSchR 97) geschaffen." Auf eine solche Ausrede muss man erstmal kommen!

Maroder Flüsterasphalt auf der A8 bei Silberberg (2013)
Ja und am Ende der Antwort kam dann noch eine freudige Ankündigung: "Im Planfeststellungsbeschluss zum 6-spurigen Ausbau der A 81 zwischen Würzburg und Singen (Streckenabschnitt Stuttgart/Feuerbach–AD Leonberg) wurde im Bereich des AD Leonberg der Einbau einer lärmmindernden Fahrbahndecke im Zuge der nächsten notwendigen Fahrbahnerneuerung zugesagt. Die Erneuerung der alten Betonfahrbahndecke durch eine Fahrbahndecke aus offenporigem Asphalt ist 2016 vorgesehen." Offenbar haben die Behörden noch immer nicht verinnerlicht, dass der Verbau von offenporigem Asphalt - alias Flüsterasphalt - auf hochbelasteten Strecken, wie der A8, reine Geldverschwendung ist: diese Fahrbahndecke hält nämlich nicht. Bei der 2008 eröffneten Strecke zwischen Leonberg und Heimsheim setzte der Zerfall rapide ein (ein Bericht in den Stuttgarter Nachrichten datiert vom 28.10.2011, Fotos gibt es hier oder hier, wo auch ein Briefwechsel mit Regierungspräsident Schmalzl verlinkt ist).

Zusammenfassung und Wertung


Welche Erkenntnisse bleiben also nach all diesen Anfragen und Antworten übrig?


  1. Das Ministerium für Verkehr und Infrastruktur verweigert die Nennung konkreter Termine (Ablösung Provisorium Lückenschluss) und konkreter Zahlen (Lärm- und Schadstoffprognosen).
  2. Der Minister erweckt durch ausweichende Antworten den Eindruck, dass kein Baurecht für das Provisorium Lückenschluss bestand - denn andernfalls hätte er die Baugenehmigung ja einfach vorgelegen können.
  3. Jene Erklärung, wonach beim Bau des Verflechtungsstreifens kein durchgängiger Fahrstreifen entsteht, weil ja Ein- und Ausfädelstreifen bereits gebaut seien, ist abstrus und fern der Realität, weil ja nach dem Bauabschluss eben doch ein durchgängiger Fahrstreifen vorhanden sein wird, wo vorher keiner war. Solcherlei abwegige Argumente mögen unter Juristen gang und gäbe sein, führen aber bei Bürgern zur Politikverdrossenheit.
  4. Offenbar versucht das grün geführte Verkehrsministerium lästige Umweltverträglichkeitsprüfungen zu meiden, so wie weiland der Teufel das Weihwasser. Eine Quantifizierung von Immissionsbelastungen macht Arbeit und Ärger, weil man dann Maßnahmen zum Umweltschutz ergreifen muss. (vgl. Artikel in Die Welt vom 22.07.2015 mit dem nicht sehr vornehm formulierten Titel: "Grüne verzweifeln am Drecksloch Stuttgart")
  5. Die Verlegung von Flüsterasphalt auf hochbelasteten Autobahnen stellt nach den Erfahrungen aus der Vergangenheit eine bewusste Verschwendung öffentlicher Gelder dar.



Gerne schließen wir hier noch mit einem Zitat, das Albert Einstein zugeschrieben wird: "Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten."