Montag, 27. Oktober 2014

Endlich: Stärkung für die Hauptachsen

Tagesthema der Stuttgarter Zeitung vom 06.09.2014 war auf Seite 2 ein Interview mit Verkehrsminister Winfried Hermann. Er sagte: "... im Bereich Stuttgart ist der Verkehr so hoch, dass wir die A8 auf acht Spuren ausbauen müssen oder es zum Teil schon getan haben ... Wir müssen die Hauptachsen stärken. Ich möchte den Verkehr von der Fläche auf diese Achsen ziehen. Das bedeutet auch, dass man nicht jede Ortsumgehung bauen kann.". Achtspurige Autobahnen also, anstelle von Ortsumgehungen? Dieses Konzept ist dem Minister offenbar so wichtig, dass er dieses Interview gleich auf seine eigene Website stellte. Und es steht natürlich auch in den Pressemitteilungen der Landesregierung.


Dieses Bild aus der Pressemitteilung der Landesregierung zeigt, wie unser Verkehrsminister seine Hauptachsen stärkt: Entschlossen blickt er in unsere blendende Zukunft und mutig steht ihm dabei sein Expertenteam zur Seite.
Die Achsen stärken? Achtspuriger Ausbau der A8? Hat der Minister schon mal die Anwohner gefragt, die unter Lärm und erhöhten Schadstoffemissionen leiden? Ist das die neue grüne Wirtschaftspolitik: freie Fahrt für freie Bürger und freie Bahn für LKWs (denn die bringen Mauteinnahmen)? Und ziehen dann die, die es sich leisten können in die verkehrsberuhigte Fläche und produzieren dann täglich Verkehr zu den Achsen?

Cui bono? fragen Kriminalisten auf der Suche nach Motiven des Handelns. Wenn wir den Nutzen der Pläne des Verkehrsministers auf die unterschiedlichen Arten von Verkehr betrachten, dann ergibt sich folgendes Bild:
  • Da gibt es die relativ kurzen Strecken, beispielsweise zum Einkaufen, zum Sportverein oder in die Kneipe. Zum Bäcker und zum Sportverein hat unser Verkehrsminister bis heute noch keine Autobahnen gebaut. Das ist gut so. Und deswegen braucht er die Autobahnen für diesen Kurzstreckenverkehr auch nicht zu verbreitern.
  • Fährt man über mittlere Strecken in die Nachbarstadt, beispielsweise um Freunde oder Verwandte zu besuchen, dann sind Ortsumgehungen eigentlich eine feine Sache: Die Autofahrer kommen zügig voran und der Durchgangsverkehr muss sich nicht durch die Ortskerne quälen. Anstelle verkehrsreicher Bundesstraßen entstehen dann in den Innenstädten Läden, Fußgängerzonen und Straßenleben. Rutesheim zeigt in den letzten Jahren eine solche positive Entwicklung - dank Ortsumgehung. Wir hoffen, dass unserem Verkehrsminister lebenswerte Innenstädte wichtig sind.
  • Die Autobahnen hingegen sind voll mit Fernverkehr und Gütertransporten. Der Transitverkehr nimmt jedes Jahr zu, sei es, weil die LKWs als rollende Lager für die just-in-time-Produktion genutzt werden, sei es, weil EU-Subventionen und das innereuropäische Lohngefälle die Warenströme vervielfachen. Das ist gut für die Wirtschaft, aber schlecht für die Umwelt und für die dort wohnenden Menschen. Und es kostet viel Geld diese Infrastruktur zu erhalten und zu ertüchtigen.
Von einem "grünen" Verkehrsminister sollte man auch mutige "grüne" Strategien für die Lösung dieser Interessenskonflikte erwarten können. Autobahnen zu verbreitern ("Wer Straßen sät, wird Verkehr ernten" hieß früher die grüne Position) und auf Ortsumgehungen zu verzichten, ist weder grün, noch mutig (höchstens für einen grünen Minister), noch intelligent und zielführend.

Wirtschaftsminister Nils Schmid von der SPD hat auch eine Meinung zum Thema Straßenbau und Ortsumgehung. In einem Interview in der SWR-Landesschau vom 21.10.2014 verspricht er: "wir halten Kurs", "wir bauen gerne Straßen". Im selben Beitrag kommt auch wieder Winfried Hermann zu Wort. Und dort kündigt er, im Widerspruch zu seinem einen Monat vorher veröffentlichten Konzept, die Entlastung von Ortsdurchfahrten an.  Hat er denn innerhalb eines Monats ein neues Verkehrkonzept aus dem Hut gezaubert? Oder wie stellt er sich die Entlastung von Ortsdurchfahrten ohne den Bau von Ortsumgehungen vor? Können beide MInister am selben Strang ziehen, wenn man die Signale aus dem Verkehrsministerium bestenfalls als schizophren bezeichnen kann? Im Video kündigt man jedenfalls mehr Ortsumgehungen an, oder?

Und hier die Presseschau

Die Wochenzeitung Kontext brachte am 16.07.2014 den lesenswerten und mit sympathischen Bildern garnierten Artikel "Von Menchen und Ziegen". Wir wünschen dem "Freidorf Gruibingen" noch viel Spaß und Erfolg mit seinen Aktionen. Vielleicht sollten ja mehr Bürgerinitiativen über die Anschaffung von Ziegen nachdenken.

Außerdem lohnt es sich, den Beitrag "Der geschmierte Pleitegeier" zu lesen, den ein Internetportal namens wallstreet-online veröffentlichte. Wurde dieses Portal, das laut Wikipedia bis vor kurzem zur Axel Springer AG gehörte, nun zu einem linksradikalen Kampfblatt umfunktioniert?