Samstag, 29. März 2014

Friedhofsruhe am Flugfeld?

Das zukünftige Zentralklinikum für Böblingen und Sindelfingen soll am Standort 'Flugfeld' zwischen beiden Städten entstehen. Wer in eine Klinik geht, der will gesund werden, und wer krank ist, braucht erholsamen Nachtschlaf. In der Norm DIN 18005 über den Schallschutz im Städtebau steht: "Bei Beurteilungspegeln über 45 dB ist selbst bei nur teilweise geöffnetem Fenster ungestörter Schlaf häufig nicht mehr möglich". Diese Aussage ist unmissverständlich.
Eine Orientierungsmessung am Flugfeld (Samstag Abend, 22.03.2014 um 18:12 Uhr) zeigt Lärmimmissionen zwischen 55 und 65 dB(A)
Hier nun unser Vergleich der Lärmbelastung des Standortes Flugfeld mit einigen Kennwerten (nachts):
  • Orientierungsmessung: 55 – 65 dB(A)
  • Lärmberechnung der LUBW für Standort Flugfeld: 50 – 60 dB(A)
  • Orientierungswert DIN-Norm 18005, Sondergebiete: 35 dB(A)
  • Orientierungswert DIN-Norm 18005, reine Wohngebiete: 40 dB(A)
  • Orientierungswert DIN-Norm 18005, Friedhöfe: 55 dB(A)
  • Technische Anleitung zum Schutz gegen Lärm (TA-Lärm) für Krankenhäuser und Pflegeanstalten: 35 dB(A)
Die Belastung am Standort eines neu zu errichtenden Krankenhauses sollte also 35 dB(A) nicht übersteigen. Wir finden es schade, dass unser Landrat bei seiner Standortauswahl offenbar keine Fachleute zu Rate zog, die sich an die DIN-Norm 18005 halten. Handelt es sich hier um ein Kompetenzproblem, weil man die Norm schlicht nicht kennt? Oder missachten die Planer vorsätzlich die wohlbegründeten Empfehlungen aus der Norm? Falls ja, aus welchem Interesse? Der Landrat sollte jedenfalls wissen: Der Standort Flugfeld ist laut DIN-Norm nicht für ein Krankenhaus, sondern eher für einen Friedhof geeignet. Der Landrat weiss über die Belastung spätestens seit dem offenen Brief der AGVL und seine Antwort darauf war inhaltlich eher unergiebig (siehe Hyperlink am Ende dieses Artikels).

Bei der Luftverschmutzung sieht es nicht viel besser aus als bei der Lärmbelastung. Die Weltgesundheitsoganisation warnte neulich eindringlich: "Jeder achte Todesfall weltweit geht auf verschmutzte Luft zurück, die damit das größte auf Umweltfaktoren basierende Gsundheitsrisiko ist". Auch diese Aussage (zitiert aus der FAZ) ist unmissverständlich.

Die Karte der potenziellen Luftbelastung kombiniert die Menge der emittierten Stickoxide mit der Durchlüftungssituation.
Das Flugfeld gehört laut Klimaatlas Region Stuttgart zu den am höchsten mit Luftschadstoffen belasteten Gebieten in der ganzen Region Stuttgart. Das liegt daran, dass die nahe gelegene Autobahn enorme Mengen solcher Schadstoffe freisetzt. Aufgrund der umliegenden städtischen Bebauung und des Werksgeländes ist obendrein der Luftaustausch behindert und der Dreck wird nicht vom Winde verweht. Deshalb ist die ganze Gegend in der Analysekarte rot gefärbt ("sehr hohe potentielle Luftbelastung"). Der Landrat und die Planer sollten daher wissen: Der Standort Flugfeld ist hochbelastet und ungeeignet für ein Krankenhaus. Merkwürdig, dass man dann den laut Karte weit und breit am stärksten belasteten Ort wählt. Handelt es sich hier um ein Kompetenzproblem, weil die Planer den Klimaatlas nicht kennen? Oder wurde das Thema absichtlich ignoriert? Welche sachfremden Interessen spielen da vielleicht bei der Standortwahl für die Klinik eine Rolle?

Ein hohes und breites Gebäude, wie das geplante Krankenhaus, würde den Luftaustausch noch weiter behindern, weil es wie ein Staudamm für Wind und Schadstoffe wirkt. Auf einer weiteren Karte im Klimaatlas wird das Flugfeld deshalb ausgewiesen als "Freifläche mit bedeutender Klimaaktivität". Die Fläche ist wichtig auch für die nahe gelegene Stadt. Das bedeutet (Zitat): "Bauliche und zur Versiegelung beitragende Nutzungen führen zu bedenklichen klimatischen Beeinträchtigungen. Dasselbe gilt für Maßnahmen, die den Luftaustausch behindern. Sollen trotz klimatischer Bedenken in solchen Gebieten Planungen in Erwägung gezogen werden, sind dafür klimatisch-lufthygienische Sondergutachten nötig". Liegen dem Landrat jene klimatisch-lufthygienische Sondergutachten bereits vor? Eigentlich müssten sie fertig sein, weil derzeit ja, wie man den Zeitungen entnehmen kann, "Planungen in Erwägung gezogen werden". Falls kein Sondergutachten vorliegt, fragen wir: Handelt es sich um ein Kompetenzproblem, weil man die Planungsregeln nicht kennt? Oder wird der Planungsprozess absichtlich ignoriert?

Wir finden: Politik und Verwaltung sollten sich an die Regeln halten. DIN-Normen, Grenzwerte und Regeln, wie das oben genannte Sondergutachten, gibt es aus guten Gründen. Wer da versucht Abkürzungen zu nehmen und über die Stränge schlägt, der fällt leicht auf seinen Schnabel. Das zeigt das folgende Video über putzige Pinguinpolitik:

Quellen und Links zu weiteren relevanten Unterlagen: