Freitag, 29. November 2013

Will uns die Bahn für dumm verkaufen?


Die Leonberger Kreiszeitung veröffentlichte am 23.11.2013 einen Leserbrief des Sprechers der AGVL zum Artikel „Die letzten Gleise für die neue Trasse kommen“ vom 16.11.2013.

"In dem Artikel berichtet die LKZ über die derzeit laufenden Arbeiten zur Erneuerung der Gleise der erst vor einem Jahr in Betrieb genommenen S 60. Darin wird berichtet, dass die Bahn diese neuerlichen Arbeiten deswegen durchführen müsse, weil es aufgrund des Zeitdrucks vor der Eröffnung der S 60 nur möglich war, den neuen Schienenstrang zu verlegen. Die alten Schienen blieben daher liegen und diese würden nun nachträglich erneuert. Es seien ganz normale Instandhaltungsarbeiten‘.

Diese Aussage kann wohl offensichtlich nicht stimmen. Denn in der fast einjährigen Bauphase im letzten Jahr konnte jedermann sehen, dass auch das alte Gleis einschließlich des Gleisbetts ertüchtigt wurde – gerade auch an den Stellen, wo die aktuellen Arbeiten stattgefunden haben. Die gesamte Strecke war damals fast ein Jahr lang gesperrt. Es fuhren keine Güterzüge. Die Ertüchtigung des alten Gleises war ohnehin wegen der Güterzüge dringend notwendig, da diese wegen des schlechten Zustands teilweise sehr langsam fahren mussten. Seit der Eröffnung der S 60 fahren sie nun erheblich schneller, was bei einigen Anliegern wg. der zusätzlichen Lärmbelastung und Erschütterungen trotz der Lärmschutzmaßnahmen zu einem bösen Erwachen geführt hat. Außerdem betrafen die nun stattgefundenen Arbeiten nur relativ kurze Teilstücke der Strecke. Lt. Ausschreibung waren es insgesamt nur ca. 1800 m.

Daher liegt der Verdacht nahe, dass es eben nicht normale Instandhaltungsarbeiten waren, sondern dass die neu gebaute bzw. ertüchtigte Strecke, aus welchen Gründen auch immer, nachgebessert werden musste. 

Dies hat für die Bürger nicht nur den Nachteil, dass die S-Bahn-Nutzer wieder einmal Betriebseinschränkungen erleiden mussten, sondern es stellen sich auch Fragen zur Finanzierung des S60-Projekts. Es wird bekanntlich aus kommunalen Töpfen bezahlt. Die Strecke wird aber nicht nur von der S- Bahn sondern auch von Güterzügen stark befahren. Die erfolgte Gesamterneuerung kommt also auch dem Güterverkehr zu Gute, dessen Finanzierung jedoch alleine dem Bund obliegt. Nicht zuletzt sind erhebliche Ausgaben nur wegen der besonderen Anforderungen des Güterverkehrs überhaupt notwendig geworden und haben mit dazu geführt, dass das Budget regelrecht gesprengt wurde. Ich hoffe nicht, dass wir als Anlieger nicht auch noch die deutliche Kapazitätserhöhung und Ertüchtigung der Güterzugtrasse über die Kommunalumlage mitfinanzieren müssen und somit doppelt bestraft wären, denn der Lärm und die Erschütterungen der Güterzüge belasten die Anlieger bereits erheblich – nicht nur entlang der S 60-Strecke sondern noch stärker auf der Güterzugtrecke zwischen Korntal und Renningen, bei der es keinerlei Lärmschutzmaßnahmen gibt. 

Es ist dringend notwendig, dass der Regionalverband die Abrechnung des S 60- Projekts offen legt. Vertrauen ist gut, Kontrolle besser, denn die Bahn AG wurde bereits bei dem Versuch erwischt, projektfremde Kosten über das S 60- Budget abrechnen zu wollen."

[Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors]

Das Bürgerforum Magstadt berichtet und hat Bilder von der Baustelle.

Donnerstag, 14. November 2013

Die Luft ist rein

sagt man, wenn man meint, dass gerade keine Gefahr besteht. Wenn die Luft rein ist, dann genießt man einen freien Blick. Oft genug fehlt aber der Weitblick, weil die Luft voller Smog ist.


Smog vernebelt die Fernsicht


Am 15.10.2013 veröffentlichte die Europäische Umweltbehörde (EEA - European Environment Agency) ihren Luftqualitätsbericht für Europa. Die Tageszeitung brachte am selben Tag einen Artikel mit dem Titel "Krank durch dicke Luft". Die meisten Mitbürger sind nämlich Belastungen ausgesetzt, die von der Weltgesundheitsorganisation als gesundheitsschädlich eingestuft werden. Der volkswirtschaftliche Schaden, den die Luftverschmutzung in Europa verursacht, wird auf bis zu 790 Milliarden Euro geschätzt. Derartig riesige Zahlen kennt man sonst eher aus der Astronomie oder wenn unsere Regierung gerade mal wieder systemrelevante Banken oder Staaten retten muss.  Ebenfalls am 15.10.2013 schrieb das Deutsche Ärzteblatt "Europäische Großstadtluft stört intrauterines Wachstum". Es wurde nämlich wissenschaftlich nachgewiesen, dass die Luftverschmutzung nicht nur bei Erwachsenen Atemwegs- und Herz-/Kreislauferkrankungen hervorruft, sondern auch schon während der Schwangerschaft das Wachstum von Kindern stört und zu einem geringeren Geburtsgewicht und einem kleineren Kopfumfang führt; letzterer gilt als Hinweis auf Entwicklungsstörungen des Gehirns. Dümmer durch dicke Luft? Luftverschmutzung ist in vieler Hinsicht schädlich - medizinisch und volkswirtschaftlich.

Treffen diese Schäden hauptsächlich nur Stadtbewohner, von denen in den zitierten Zeitungsartikeln die Rede ist, und Mitbürger, die in der Nähe großer Industrieanlagen wohnen? Nein, auch das Umland ist betroffen, weil der Wind die Luftschadstoffe großflächig verteilt. Betrachten wir als Beispiel Stickstoffdioxid (NO2): Das Rheinische Institut für Umweltforschung (RIU) an der Universität zu Köln erstellt Schadstoffprognosen für Stickstoffdioxid (und etliche weitere Luftschadstoffe) und verarbeitet diese zusammen mit den meteorologischen Daten für Wind und Wetter zu farbenprächtigen Karten. Hier die Verteilung von NO2 vom 31. Oktober 2013 über Zentraleuropa:



Man erkennt wichtige Städte als Emissionsherde, wie London, Barcelona, Mailand und Paris. Aus diesen Verkehrsknotenpunkten und Industriezentren verbläst der Wind die Schadstoffe als breite Fahnen quer übers Land. Man erkennt deutlich einige Hauptverkehrswege, wie die auf Marseille sternförmig zulaufenden Schifffahrtsrouten und die Wasserstraße durch den Ärmelkanal und die Nordsee nach Skandinavien. Man kann sogar einzelne Autobahnen im Bild "erahnen", beispielsweise die A5 von Basel über Karlsruhe nach Frankfurt oder die A8 von Karlsruhe über Stuttgart nach München. Man erkennt jedenfalls: Unsere Gegend ist tiefdunkelrot, also großflächig belastet.

Und was gibt es sonst noch Neues? 


Am 07.-09.10.2013 fand im Leo-Center die Ehrenamtsmesse statt, wo Vereine und Initiativen ihre Ziele und Tätigkeiten der Öffentlichkeit vorstellten. So auch die Arbeitsgemeinschaft Verkehrslärm Region Leonberg (AGVL). Die ausführliche Präsentation über unsere lokalen Verkehrsthemen ist sehr lesenswert.



Am 08.10.2013 berichten die Stuttgarter Nachrichten "Kampf gegen Bahnlärm auf Zielgerade". Laut Urteil der Projektleiterin der Deutschen Bahn für die Lärmsanierung in Baden-Württemberg, Sabine Weiler, gilt für unsere Gegend hier: "Wir haben hier keine hohe Belastung". Statt die Modernisierung von Schienenwegen und uralten Güterzugwaggons zu forcieren spendet Sie lieber Kanzleitrost: andeswo in Deutschland fahren noch mehr Güterzüge durch Wohngebiete und es lärmt noch lauter. Man muss konstatieren: Der Bahn fehlt anscheinend der Wille zur Veränderung, denn ein Hochtechnologie-Konzern wie Daimler führt es doch jeden Tag auf der Strecke der S6/S60 vor, dass moderne Güterzüge leise fahren können. Den Politikern, die Lärmschutz-Maßnahmen erzwingen könnten, geben wir gerne folgendes Zitat von Karl Valentin mit auf den Weg: "mögen täten wir schon wollen, aber dürfen haben wir uns nicht getraut".


Am 21.11.2013 findet in Boppard ein Internationales Symposium über Bahnlärm mit einem hochkarätigem Programm statt, Dort berichten Firmen und Wissenschaftler darüber, was heutzutage technisch leicht umsetzbar ist.


Apropos Bahn: Die Strecke der S60 zwischen Renningen und Böblingen wurde ja vor etwa einem Jahr mit jahrelanger Verzögerung eröffnet. Die Bahn gibt hier bekannt, dass an den Wochenenden vom 9./10. und 16./17.11.2013 die S60 wegen Gleisbauarbeiten nicht verkehrt. Die Bahn informiert aber nicht über den Grund für die Reparaturarbeiten an der neuen Strecke und auch in der Lokalpresse ist darüber nichts zu lesen. Merkwürdig, oder? Dafür diskutiert ein Eisenbahnerforum über die technischen Ursachen: es heißt dort, es gäbe Schlammstellen, die die Gleisanlage ruinieren und auf Mängel im Oberbau der neuen Strecke hindeuten. Bahnstrecken werden schon seit langer Zeit gebaut. Da sollte man wissen, wie das geht. Massiver Terminverzug, Kostenexplosion und dann noch Qualitätsprobleme? Nur zur Erinnerung: das ist der gleiche Konzern, der jenen unterirdischen Bahnhof verwirklichen will ...


Am 19.10.2013 schrieb die Leonberger Kreiszeitung "Bürgerinitiativen warnen vor Ersatzautobahn". Es geht erneut um den Lückenschluß zwischen B295 zur B464 zwischen Leonberg und Böblingen. Statt heute 27.000 Fahrzeugen pro Tag auf der B295 werden zukünftig bis zu 50.000 erwartet. Zum Vergleich: Auf der sechsspurig ausgebauten A8 zwischen Leonberg und Heimsheim rollen täglich rund 80.000 Fahrzeuge. Dort gibt es bei Rutesheim 12 m hohe Lärmschutzwälle, aber dennoch Beschwerden von Anwohnern über den Lärm. Aber Diskussionen über die Auswirkungen der Ezacher "Lärmtrompete" werden vermieden - nicht nur vom Stuttgarter Regierungspräsidium. Schließlich läuft derzeit auch noch die Versteigerung der Bauplätze Ezach 3 ... 

Die Leonberger Kreiszeitung vom 23.10.2013 gibt uns einen Vorgeschmack, was auf verkehrsreichen Strecken passiert, und berichtet im Artikel "Sechs Veletzte auf der A8" über Unfälle im dichten Verkehr am Leonberger Dreieck.

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PS: wie immer herzlichen Dank an die Hinweisgeber auf Fakten und Veröffentlichungen, die wir hier verlinken ...