Freitag, 18. Oktober 2013

Schwäbische Schlaglöcher

Die Abkürzung "OPA" steht bekanntlich für offenporigen Asphalt, häufig auch als "Flüsterasphalt" bezeichnet. Flüsterasphalt mindert, zumindest so lange er neu ist, den Straßenlärm um etwa 7 dB(A). Eine solche Pegelminderung bedeutet, dass man nur den Lärm von 20 Autos hört, wenn 100 Autos vorbeifahren. So erfreulich das zunächst klingen mag, Flüsterasphalt hat schwere Nachteile: Die offenen Poren schlucken nicht nur den Schall, sondern mit der Zeit auch Schmutz und Abrieb. Deswegen sollte die poröse Fahrbahndecke eigentlich regelmäßig mit einem speziellen Spül-/Saugwagen gewaschen werden, wofür aber oft das Geld fehlt. Sind die Hohlräume verstopft, dann ist auch die schallschluckende Wirkung weg. Zudem wird das Material mit der Zeit brüchig und zerbröselt: das passiert manchmal früher, manchmal später, je nach Qualität von Baustoffen und Verarbeitung. Flüsterasphalt hält angeblich rund 8-10 Jahre, also nur halb so lange wie eine konventionelle Fahrbahndecke und der Preis ist um ein Drittel höher (13 statt 10 €/m²). 

Cui bono? Flüsterasphalt belastet die Steuerzahler aufgrund seiner höheren Kosten bei kürzerer Lebensdauer. Und die vom Lärm geplagten Anwohner werden nur kurzzeitig entlastet, weil der Lärmschutz alsbald wieder nachlässt. Aber: 

Für Straßenbaufirmen ist Flüsterasphalt ein prima Geschäft.

Die WAZ schrieb am 26.06.2013 "Der neue Flüsterasphalt bröselt schon im großen Stil". Eigentlich geht es in diesem Artikel um den Reparaturbedarf von Straßen in Nordrhein-Westfalen. Aber dort steht auch: "Die Autobahn A8 bei Stuttgart ist nach vier Jahren so ramponiert, dass sie aufgerissen und mit herkömmlichem Belag repariert werden muss". Unsere schwäbischen Schlaglöcher sind also schon bundesweit bekannt!

"Gut Ding will Weile haben" oder eher "just in time"?

Fassen wir die Vorgänge um die Schlaglöcher noch einmal rückblickend zusammen:
  • 2008 wird das Teilstück der Autobahn A8 zwischen Leonberg und Heimsheim neu eröffnet
  • 2011 berichten die Stuttgarter Nachrichten erstmals über Qualitätsmängel: "So traten beim Ausbau der A8 zwischen Leonberg und Heimsheim schon nach kurzer Zeit Risse und offene Mittelnähte auf." Der Flüsterasphalt ist 2011 eigentlich noch weit von seiner Haltbarkeitsgrenze von 8-10 Jahren entfernt.
  • 2013 berichten die Stuttgarter Nachrichten erneut, denn es wird immer schlimmer: „Die Straßenschäden sollen nun in den kommenden Wochen provisorisch geflickt werden. „Zwischen Mai und Juni werden die Löcher dort mit herkömmlichem Asphalt aufgefüllt“, sagt Clemens Homoth-Kuhs“. Die endgültige Sanierung sei für 2014 vorgesehen. Außerdem heißt es „Der Asphalt wurde falsch verlegt. Deshalb ist das ein Garantiefall. Wir sind bereits mit der zuständigen Baufirma in Kontakt“, sagt der RP-Sprecher.“ 
Selbstverständlich müssen Qualitätsmängel auf Garantie beseitigt werden. Ein jeder Bürger veranlasst solche Nachbesserungen zum frühestmöglichen Zeitpunkt, nämlich sobald ein Mangel erkennbar geworden ist. Für Behörden scheint eine solche Logik nicht zu gelten.
  • Wie gründlich war die 2008 von den Behörden durchgeführte Abnahme?
  • Warum behandeln die verantwortlichen Behörden diese Qualitätsmängel anscheinend erst 2013, also Jahre nach dem ersten einschlägigen Zeitungsartikel 2011?
  • Warum soll zweimal hintereinander repariert werden, statt in einem Arbeitsgang gründlich zu sanieren? Qualitätsmängel sind keine Schande, sie kommen auch bei guten Firmen gelegentlich vor. Gute Firmen beseitigen solche Probleme schnell und gründlich. Darüber freut sich jeder Kunde, der gute Ruf der betroffenen Firma bleibt gewahrt und eine gründliche Sanierung kommt in der Regel billiger als mehrere halbseidene Teilreparaturen in Folge.
  • Warum eigentlich dauert es 6 Jahre, nämlich von 2008 bis 2014, bis Qualitätsmängel auf Garantie beseitigt sind?
Seit den letzten Zeitungsartikeln (und übrigens auch unserem Blog-Beitrag vom 13.04.2013) ist ein halbes Jahr verstrichen. Deshalb wollen wir jetzt die vom Regierungspräsidium für "zwischen Mai und Juni" angekündigten Reparaturen besichtigen. 

Der Faktencheck

Beginnen wir mit einem Foto von der Fahrbahn der A8 nahe der Eisengrifftalbrücke bei Rutesheim, das die Stuttgarter Nachrichten am 24.04.2013 auf Facebook stellte. So sah der Schaden im April 2013 aus - vor der Reparatur.
Auf einem Foto desselben Ortes vom 17.08.2013 ist von der für die Zeit "zwischen Mai und Juni" angekündigten Reparatur wenig zu erkennen, bloß das Wetter ist im August besser.
Wenn man denselben Ort auf Google Maps (hierbesucht, anstelle der üblichen Straßenkarte das Satellitenbild einschaltet und dann das Bild kräftig heranzoomt, dann erkennt man den gezeigten Fahrbahnschaden sogar aus dem Weltall deutlich (beim grünen Pfeil).
Eigentlich ist das doch unglaublich: Baden-Württemberg ist eine der wohlhabendsten Regionen weltweit. Baden-Württemberg ist das Ursprungsland des Automobils. Und Baden-Württemberg bzw. das verantwortliche Regierungspräsidium Stuttgart geniert sich nicht, Straßenschäden jahrelang unrepariert zu lassen. Das Versagen der Behörde ist schon aus dem Weltall sichtbar. Das Unverständlichste ist aber: eine Reparatur jener Schäden kostet noch nicht einmal Steuergelder, weil es sich ja um von den Baufirmen seit Jahren zu behebende Garantiefälle handelt. Wo sitzen (oder schnarchen?) die dafür Verantwortlichen?... (Zum Vergleich: In der Automobilbranche, welche in Baden-Württemberg durchaus prominent vertreten ist, betreiben sämtliche Hersteller und Zulieferer intensive Qualitätssicherung. Die dafür zuständigen Stellen berichten an den Vorstand. Dort gilt: Qualität ist Chefsache.)

Der Flüsterasphalt hat ausgeflüstert

Nahe beim Wohngebiet Leonberg-Silberberg ist die Fahrbahnoberfläche der A8 durch sogenannte "Kornausbrüche" großflächig stark aufgerauht. Unförmige "Plomben", mit denen einzelne Schlaglöcher ausgestopft wurden, verursachen starke Unebenheiten. Selbstverständlich erzeugt eine solche Rüttelstrecke erhebliche zusätzliche Geräusche beim Überfahren. 
Unser Foto stammt vom 17.08.2013, datiert also nach der angeblichen Reparatur "zwischen Mai und Juni" und zeigt beides, flächige Kornausbrüche und plombierte Schlaglöcher. Auf Nachfrage antwortet uns das Regierungspräsidium am 06.09.2013:


"Im Herbst ist geplant, die Schäden an der rechten Fahrspur der A 8 Richtung München westlich von Leonberg zu beseitigen, Auf eine Länge von ca. 600 m wird die angegriffene OPA Deckschicht ausgebaut und wiederum durch einen OPA Belag ersetzt. In dem Zuge werden die zum Ablauf der Gewährleistung des Belags im Jahr 2012 aufgetretenen geringeren kleinflächigen und partiellen Schäden mit beseitigt. Die Kosten dafür werden vom damaligen Auftragnehmer abgegolten. Seit der Abnahme im Jahr 2012 sind durch Unfälle und Verschleiß weitere Schäden an dem genannten Abschnitt eingetreten, z.B Felgenschäden. Die Kosten für die Ausbesserung der nach Ablauf der Gewährleistung aufgetretenen Schäden trägt der Bund. Die von Ihnen mit Bild dargestellten Schadstellen kleinerer Natur wurden und werden in Abhängigkeit der Schadensfläche und -tiefe durch Sofortreparaturen ausgebessert, dabei bestimmen Fläche und die Schadenstiefe die Art der Schadensbeseitigung. Verkehrsgefährdende Vertiefungen werden umgehend mit einem schnell erhärtenden Reparaturasphalt aufgefüllt."

Soso... Die Abnahme dieser 2008 eröffneten Autobahnstrecke fand also 2012 statt. Wirklich so schnell? Und jetzt ist geplant "im Herbst" zu reparieren. Im Herbst welchen Jahres bitte? Heute, Mitte Oktober, sehen die Schäden jedenfalls noch genauso aus wie im August und im April. Wird jetzt noch kurz vor den ersten Nachtfrösten repariert? Weitere ernst zu nehmende Fragen bleiben offen, beispielsweise:
  • Warum bringt man erneut Flüsterasphalt aus, einen Belag, der teuer ist und der sich nicht bewährt? 
  • Eine Nachrechnung des Regierungspräsidiums ergab 2010, dass der Lärmgrenzwert an Wohngebäuden in Leonberg-Silberberg verletzt wird. Die heutigen Fahrbahnschäden können in dieser Berechnung nicht enthalten sein, weil diese ja bis zum Frühjahr 2013 einfach ignoriert wurden. Ein neu ausgebrachter Flüsterasphalt würde nun allenfalls den Anfangszustand von 2008 wieder herstellen, der aber rechnerisch immer noch den Lärmgrenzwert verletzt. Warum sanieren die Behörden nicht nachhaltig, indem sie wirksame Maßnahmen ergreifen, die zur Einhaltung des gesetzlichen Grenzwertes führen?
  • Und wie genau darf man sich die angekündigte Aufteilung der Reparaturkosten vorstellen? Wer bestimmt eigentlich, was Garantiefall ist und was Verschleiß? Womöglich die Experten der ausführenden Baufirma? Ein Schuft, der Böses dabei denkt...
Am 17.10.2013 legte übrigens der Bund der Steuerzahler sein Schwarzbuch 2013 über die öffentliche Verschwendung vor. Dort steht in der Liste der beobachteten Probleme bei Projektsteuerung und -umsetzung durch Behörden u.a.: "Eine Früherkennung möglicher Termin-, Kosten- und Qualitätsstandardkollisionen wird unterlassen" und ferner "Es wird keine Erfolgskontrolle der Ziele (Soll-Ist-Vergleiche) durchgeführt", sowie "Zielkonflikte (z.B. Lärmschutz- und Brandschutzmaßnahmen) werden nicht erkannt"

OPA hat jetzt sogar einen eigenen Blog

In Opa's Blog steht: “Opa” verursacht derzeit bundesweit ziemliche Probleme, und kostspielige dazu. An erster Stelle leiden die Straßenbauer. Aber auch die Politiker machen sich berechtigte Sorgen. Denn “Opa” reißt riesengroße Löcher, erst in die Straßen, dann in die Staatsfinanzen. Immerhin liegt "Opa" auf rund 400 km Autobahn herum und bröselt."  Am Ende bringt Opa's Blog die Angelegenheit wirklich auf den Punkt:  "Was soll ich sagen? Ein richtiger Opa ist dann doch sehr viel widerstandsfähiger, ein ganzer Kerl eben, kostet deutlich weniger und lebt länger." Ganze Kerle hätten wir auch gerne bei den Behörden ...