Montag, 10. Dezember 2012

S 60: eine runde Sache ?


Mit dem Fahrplanwechsel am 09.12.2012 geht die neue S60 zwischen Renningen und Böblingen in Betrieb. Am 08.12.2012 gab es die Eröffnungsfahrt, bei sonnigem Winterwetter begleitet von einem kleinen Festakt am Bahnhof Renningen. Wir Bürger freuen uns auf erheblich verbesserte Verbindungen im öffentlichen Nahverkehr im Raum Leonberg und Böblingen. Die Deutsche Bahn meint - so stand es jedenfalls auf der rechten der beiden Fahnen am Festzelt - der S-Bahnring sei eine runde Sache. Das findet nicht jeder.

                                                        Demonstration der AGVL

Die Freude der Anwohner der Strecke von Kornwestheim bis Renningen ist getrübt: Es wurde nicht nur die neue S-Bahnverbindung geschaffen, sondern gleichzeitig wurde auch eine neue Güterzugstrecke gebaut bzw. komplett erneuert. Das hat überregionale Konsequenzen, wie in der Presseerklärung der Arbeitsgemeinschaft Verkehrslärm Region Leonberg ausführlich erklärt wird  (die AGVL besteht aus etlichen Vereinen und Initiativen aus Magstadt, Höfingen, Eltingen, Ezach, Silberberg, Gartenstadt, Haldengebiet und Ramtel; der Pressemitteilung angeschlossen haben sich ferner Initiativen aus Kindelberg/Renningen, Neuwirtshaus und Korntal).

 
       Die Strecke der S60 und der Güterfernverkehr

Die westliche Güterzug-Umgehung Stuttgart (kurz: WeGuS) bezeichnet die Bahnstrecke Kornwestheim ~ Ditzingen ~ Leonberg ~ Renningen ~ Böblingen. Im weiteren Verlauf bildet die Gäubahn eine Zulaufstrecke in Richtung Schweiz zum neuen Gotthardtunnel, der 2016/17 in Betrieb gehen wird. Somit entwickelt die Strecke sich von einer lokalen Bahnstrecke für den öffentlichen Personennahverkehr zu einer europäischen Transitstrecke für den Güterfernverkehr - und dies in einem der dichtesten Ballungsräume in Deutschland. Und diese Transitstrecke kann dann - neben der völlig überlasteten Rheintalbahn, deren Ausbau zwar geplant ist, mit deren Fertigstellung aber frühestens 2025 gerechnet werden kann - die Seehäfen Genua und Rotterdam verbinden.
 

                                          Bahnlärm macht krank 

Es gilt als sehr wahrscheinlich, dass statt der bisher etwa 60 Güterzüge täglich, demnächst erheblich mehr Güterzüge (das Umweltbundesamt nennt 70 Güterzüge als zusätzlich mögliche Kapazität) - hauptsächlich nachts - an unseren Schlafzimmern vorbeirauschen werden. Aber auch wenn wir trotz des Lärms nachts schlafen, unsere Ohren, deren Funktion auch darin besteht, uns - auch im Schlaf - vor Gefahren zu warnen, schlafen nicht. Unser Körper reagiert deshalb auch im Schlaf mit der Ausschüttung von Stresshormonen auf die Vorbeifahrgeräusche, Das führt auf die Dauer zu erheblichen Gesundheitsschäden. Es wurde in verschiedenen Studien nachgewiesen, dass dadurch z.B. das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle erheblich steigt, ab einem Mittelwert von 60 dB(A) steigt etwa das Herzinfarktrisiko um 20% (BUND). Im Silberberg gibt es eine private Dauermessstation, diese misst bei der Durchfahrt von Güterzügen 87 - 94 dB(A).

Anspruch auf Lärmschutz gibt es aber für die Anwohner der "Altstrecke" auch bei einer Zunahme des Güterverkehrs nicht, denn für die Bestandsstrecke zwischen Neuwirtshaus und Renningen ist Lärmschutz weder vorhanden noch vorgesehen. Mancherorts, wie beispielsweise in Renningen an der Unterführung Kindelberg ist Lärmschutz nicht einmal möglich.  

Vom Katastrophenschutz - angeblich soll auf dieser Strecke auch das Kerosin für den Züricher Flughafen transportiert werden - wollen wir an dieser Stelle garnicht anfangen.

Dies hat einige etwas auffällig bekleidete Damen und Herren zu einer kleine Demonstration motiviert, die auf die Risiken und Nebenwirkungen für die Gesundheit hinweisen sollte.

In einer moderierten Podiumsdiskussion unter den "Honoratioren" im Festzelt wurde dann auch mehrfach der Bahnlärm, also das Anliegen der Demonstranten, angesprochen. Verkehrsminister Hermann erwähnte in diesem Zusammenhang die lärmabhängigen Trassenpreise, die ab 01.03.2013 eingeführt werden sollen, sowie die Umrüstung der Bremsen der Güterwaggons auf leisere bis 2020. Konkrete Planungen des Landes für mehr Lärmschutz für die Anwohner der Bestandsstrecke der WeGuS gibt es allerdings keine. Das ist bedauerlich.


                                          Forderungen

Dabei könnte man recht viele, darunter auch einfache Dinge tun, z.B.:

* Lärmminderung durch leise Waggons (wie sie z.B. von              Daimler schon häufig eingesetzt werden)
* Lärmabhängige Trassenpreise: 

  wer lärmt, der zahlt (ab 1.3.2013)
* Tempolimit für laute Güterzüge
* Nachtfahrverbot für laute Güterzüge
* passive Lärmschutzmaßnahmen auch entlang der Bestandsstrecke
* Bezahlung der Lärmschutzmaßnahmen nach dem Verursacherprinzip

 
                            ... im Nebel bleibt, wo das Geld herkommt ... 

Gerne wird gesagt die Kosten für Lärmschutz seien (zu) hoch und man könne doch die Bahn nicht einseitig gegenüber anderen Verkehrsträgern benachteiligen. Richtig ist: Die gesamte Transportbranche und nicht nur die Bahn zahlen die Folgekosten ihrer Tätigkeit für Krankheiten, Klimaschutz, Umweltschäden, Wertverlust von Immobilien usw. nicht selbst, sondern bürden diese Kosten der Allgemeinheit und den Anwohnern auf. Die Politiker nehmen das billigend in Kauf. Die AGVL stellt in ihrer Presseerklärung fest, dass Bahn und Politik den Bürgern gegenüber bei der S60 nicht gerade mit offenen Karten gespielt haben: Unter dem Deckmantel der Verbesserung des öffentlichen Personennahverkehrs wird eine Erhöhung des Güterfernverkehrs versteckt - eine neue Transitstrecke wird sozusagen auf kaltem Wege genehmigt und (aus-)gebaut. Den Ausbau bzw. die Erneuerung der Rankbachbahn hat man komplett aus Nahverkehrsmitteln gezahlt. Dies wäre angemessen für eine reine S-Bahnstrecke. Wenn aber gleichzeitig auch die Kapazität für den Güterverkehr erheblich wächst, dann ist doch die Bahn aus ihren Instandhaltungsmitteln zu beteiligen. Da haben also unter anderem die Gemeinden also aus öffentlichen Nahverkehrsmitteln die Bahn subventioniert und die Anwohner ebendieser Gemeinden werden dafür mit Güterzuglärm belohnt. Haben sich hier unsere Politiker von der Bahn einfach so über den Tisch ziehen lassen? 

                                                      ... Nebel all überall ...

Mittlerweile sprengt jedes Großprojekt bereits lange, bevor es sein Ziel erreicht, den veranschlagten Kostenrahmen. Es ist  egal ob man da die S60, den Berliner Flughafen oder das sogenannte "bestgeplante Bahnprojekt aller Zeiten" in Stuttgart anschaut. Warum passiert das eigentlich? Gibt es kein Risikomanagment?  Dass die Deutsche Bahn AG kaum Interesse an Kostenminimierung hat, hängt ja auch damit zusammen, dass die DB aufgrund eines hohen Planungskostenanteils von meist mehr als der sonst üblichen 10% (beim Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs etwa spricht man von 17-23%) mit jeder Kostensteigerung auch ihren Gewinn steigert. Warum eigentlich lassen wir und die von uns gewählten Politiker das zu?

Damit kein Missverständnis entsteht: es ist tatsächlich ein Grund zur Freude, wenn ein Projekt zur Verbesserung der Infrastruktur fertig gestellt und in Betrieb genommen wird. In unserer verkehrsgeplagten Region ist es mehr als sinnvoll das Angebot am öffentlichem Personennahverkehr zu optimieren. Und die S60 ist hierbei ein wesentlicher Fortschritt. Es ist auch völlig richtig mehr Güterverkehr auf die Schiene zu verlegen. Aber all dies darf nicht auf Kosten der Lebensqualität und vor allem der Gesundheit der an der Strecke wohnenden Menschen geschehen. Es ist nur sehr, sehr schade, dass, wenn man schon so viel Geld in die Hand nimmt, so wenig gegen die wachsende Lärmbelastung durch Güterzüge getan wird.

... und hier die Presseschau

Die Stuttgarter Zeitung schreibt am 08.12. um 18:44, dass "die Offiziellen ihrer Begeisterung freien Lauf" gelassen haben. Am Ende des Artikels wird auch auf die Kosten eingegangen und wer wieviel bezahlt hat. Die Bahn, die ja am Güterverkehr gut verdient, fehlt in der Zusammenstellung.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch dieser historische Rückblick "Der erste Zug fährt schon im Jahr 1915": Wie sich die Zeiten doch geändert haben: "Die Kommunalpolitiker jener Zeit verhandeln seit den 90er Jahren (des 19. Jahrhunderts, wohlgemerkt!) mit der Württembergischen Eisenbahngesellschaft. "Diese wollte ohne staatliche Zuschüsse den Bau übernehmen", berichtet Mathias Graner, der Renninger Stadtarchivar."  Na sowas ...

In ihrem Kommentar vom 06.12. meinte die Stuttgarter Zeitung schließlich: "Missklänge begleiten das fröhlich Eröffnungstrara".

...und dann noch was zum Schmunzeln ...

auch die a capella-Gruppe Wise Guys hat offenbar so ihre Erfahrungen mit der Deutschen Bahn gemacht ...