Sonntag, 2. Juli 2017

Wo gibt's denn "konkludente Freifahrscheine"?

Die Deutsche Bahn lässt Güterzüge schnell durch unser Wohngebiet fahren und erzeugt damit gesundheitsschädlichen Lärm. Warum dürfen die das? Wir haben die Rechtsgrundlagen hierfür recherchiert. Als erstes schauen wir auf ein Bild aus der OpenRailwayMap, das die zulässige Höchstgeschwindigkeit für Züge zeigt: westlich Leonberg sind 120 km/h erlaubt.

Quelle: OpenRailwayMap


Am 01.12.2015 schickte die Deutsche Bahn ihre offizielle Stellungnahme zur Lärmaktionsplanung für Leonberg an die Stadt. Dort steht: „Durch Leonberg verläuft die Bahnstrecke 4810 Stuttgart-Zuffenhausen – Calw Süd. Hierbei handelt es sich um eine planfestgestellte Haupteisenbahnstrecke des Bundes.“


Quelle: Wikimedia Commons
Wenn man also wissen will, warum Güterzüge so schnell fahren (dürfen), dann muss man beim Eisenbahn-Bundesamt - das ist die zuständige Aufsichtsbehörde - um Akteneinsicht in die Planfeststellung ersuchen. Am 27.09.2016 teilte von dort Frau R. mit, „dass für Auskünfte Gebühren und Auslagen nach der Informationsgebührenverordnung (IFGGebV) erhoben werden. Die Gebühren bemessen sich nach der Höhe des Aufwandes und können bis zu 500 € betragen.“ Wir werten das als netten Versuch  lästige Fragen von Bürgern abzuwimmeln ...


Nach einigem Briefwechsel und einer Beschwerde beim Präsidenten des Eisenbahn-Bundesamtes, kam schließlich am 19.12.2016 die Aussage: „Es gibt keine aktuell gültigen Betriebsgenehmigungen der Strecke 4810“. Das ist unmissverständlich klar.


Die von der Bahn behauptete Planfeststellung existiert also nicht. Bestimmt war die zitierte Stellungnahme der Bahn an die Stadt bloß ein bedauerlicher Irrtum? Wir fordern deshalb eine Korrektur von der Bahn. Herr H. von der Deutschen Bahn AG, DB Immobilien, schrieb dazu am 30.01.2017: „es gibt keine Veranlassung unsere Stellungnahme zu korrigieren. Ungeachtet der nicht vom EBA (also nicht ab 1994) vorgenommenen Planfeststellung genießt die Strecke 4810 Bestandsschutz“. Die Deutsche Bahn konzediert also, dass es keine Planfeststellung gibt, möchte ihre Falschaussage aber lieber nicht richtig stellen. Sympathisch, oder?


Bestandsschutz gilt, wenn man sich ein Gewohnheitsrecht seit langem herausnimmt, aber dafür keine Dokumente vorweisen kann. Mit anderen Worten: der heutige Güterzugbetrieb ist behördlich nicht legitimiert. Herr H. bietet stattdessen die steile These an, dass der heutige Verkehr zulässig sei, weil die Strecke im 19. Jahrhundert „für den Verkehr gewidmet“ worden sei. Weiterhin teilt er hilfsbereit mit: „Dies kann auch konkludent erfolgen“. Tatsächlich wurde die Württembergische Schwarzwaldbahn am 01.12.1869 eröffnet. Deshalb interessieren uns nun Einzelheiten zur damaligen Zweckbestimmung, zur Widmung und die historische Betriebserlaubnis.


Es gibt Beispiele für Genehmigungen aus dem 19. Jahrhundert: hier die Bau- und Betriebsgenehmigung für die chemischen Werke Meister, Lucius & Co. durch die herzoglich-nassauische Verwaltung im Jahr 1862; dieses Dokument gehört zur Geschichte des Chemieriesen Hoechst (Quelle: Wikimedia Commons)


Was liegt also näher, als bei der Bahn Akteneinsicht in den Originaltext der Widmung und in möglicherweise später erfolgte Umwidmungen zu beantragen. Weil wir schon dabei sind, fordern wir außerdem Angaben zur Kapazität, zu gültigen Obergrenzen und zur aktuellen Zugzahl auf der Strecke an. Das Umweltinformationsgesetz verpflichtet die Bahn solche Auskünfte binnen Monatsfrist zu erteilen. Weil unsere Anträge weder fristgerecht noch vollständig beantwortet wurden, beanstandete ich diesen Rechtsbruch beim Chief Compliance Officer der Deutschen Bahn. Am 08.06.2017 erklärte die Leiterin des dortigen Hinweismanagements ohne Begründung, dass die Bahn nicht gegen das Umweltinformationsgesetz verstoßen habe. Eine Begründung wäre in der Tat schwierig, weil bereits das Versäumnis der gesetzlich vorgesehenen Antwortfrist schwer zu leugnen ist. Auch ein weiteres Schreiben von Herrn H. erbrachte keine zusätzlichen Hinweise mehr.


Bahnhof Leonberg um 1870 (Quelle: Wikimedia Commons). Wir fragen uns, ob die am Bahnsteig wartenden Personen wohl schon einmal einen mit 120 km/h fahrenden Güterzug gesehen haben?


Was soll man nun von dieser Angelegenheit halten?

  1. Die Bahn weigert sich, ihre unwahre Aussage zur Leonberger Lärmaktionsplanung, wonach die Strecke planfestgestellt sei, gegenüber dem Oberbürgermeister und dem Gemeinderat zu korrigieren. Ein solches Verhalten zeugt von einem Mangel an Respekt vor Mandatsträgern.
  2. Güterzugverkehr mit 120 km/h ist durch kein Dokument legitimiert. Weder aus der Zeit der Eröffnung 1869, noch aus späteren Zeiten. Stattdessen ergeht sich die Bahn in Ausflüchten und schwadroniert über eine angeblich konkludent erfolgte Widmung.
  3. Eine Widmung ist ein Hoheitsakt. In Deutschland ist es schwer vorstellbar, dass bei einem Hoheitsakt keine Dokumente und Aufzeichnungen entstehen. Spätere Umwidmungen der Strecke gab es keine.
    So sieht ein Modell des "Adler" im Museum Industriekultur in Nürnberg aus. Dieser Zug verkehrte 1835 auf der ersten Bahnstrecke Deutschlands zwischen Nürnberg und Fürth. (Quelle: Wikimedia Commons). Sehen so Güterzüge aus, die 120 km/h fahren? Dass es sich um einen Güterzug handeln muss, sieht man wahrscheinlich an den beiden Bierfässern hinter dem Lokführer.
  4. Es erschließt sich nicht, wieso eine einst „Württembergische Schwarzwaldbahn“ genannte lokale Bahnstrecke dem heutigen schnellen Güterverkehr mit Containerfernzügen gewidmet worden sein soll: eine Bimmelbahn ist keine Transitstrecke. 
  5. Falls man der Theorie zustimmen möchte, dass die Widmung konkludent erfolgt sei, so ergäbe sich hieraus als Zweckbestimmung der Strecke lediglich der seinerzeit übliche Verkehr mit Höchstgeschwindigkeiten von vielleicht 50 km/h, keinesfalls aber Güterverkehr mit 120 km/h. Bei Eröffnung der Strecke am 01.12.1869, waren derart schnelle Züge technisch nicht möglich und Nachtbetrieb nicht üblich. Der feurige Elias fährt keine 120 km/h.


Die Idee einer konkludenten Widmung ist zudem vollkommen abwegig: Fortgesetztes Fahren ohne Fahrerlaubnis führt selbstverständlich nicht zum Erwerb eines konkludenten Führerscheins.


Quelle: Wikimedia Commons
In einem vergleichbaren Fall aus München wurde die Deutsche Bahn jedenfalls mit der folgenden Begründung zu Lärmschutzmaßnahmen verurteilt: „Die Beklagte konnte eine Genehmigung der Bahnstrecke nicht vorlegen“. Die Bahn ging in Berufung, das Verfahren läuft noch.


Deswegen erlaubten wir uns, Stadt und Gemeinderat anzuschreiben und eine kleine Anregung zu geben: "Wir würden uns darüber freuen, wenn die Stadt Leonberg im Rahmen ihrer Lärmaktionsplanung die Deutsche Bahn auffordert, die Bestandsstrecke 4810 gemäß ihrer Zweckbestimmung für Bummelzüge oder S-Bahnen zu nutzen und für schnelle Güterzüge eine Betriebsgenehmigung mit adäquatem Lärmschutz vorzulegen."


Der Gemeinderat beschloss in seiner Sitzung am 27.06.2017 im Tagesordnungspunkt 2 über das weitere Vorgehen der Stadt bei der Lärmaktionsplanung. Das Protokoll hält Folgendes fest fest:

 


Wie geht's weiter?


Wir gehen davon aus, dass die Märchenerzähler von der Deutschen Bahn unserem Gemeinderat und den Nachbarkommunen als nächstes die Geschichte vom Bestandsschutz aufgrund einer angeblich im 19. Jahrhundert konkludent erfolgten Widmung auftischen werden, also einer Widmung, die zwar niemand vorweisen kann, die aber die Rechtsgrundlage für nächtliche Fahrten mit 120 km/h durch Wohngebiete sein soll, obwohl 1869 keine solchen Güterzüge technisch möglich waren oder gar hier in der Region fuhren...

Wir gehen ferner davon aus, dass alle notorischen Schwarzfahrer, die sich ohne Bezahlung des Fahrpreises über eine längere Zeit hin ihre Beförderung erschlichen haben, demnächst von der Deutschen Bahn einen konkludenten Freifahrschein verliehen bekommen.
 

Samstag, 6. Mai 2017

Feinstaub-Belastung seit Jahresbeginn

wie bereits berichtet, betreiben viele interessierte Bürger ein Netzwerk von Sensoren zur Messung von Feinstaub. Einer der inzwischen deutschlandweit 695 aktiven Sensoren hängt an unserem Haus in Leonberg-Silberberg. Wir veröffentlichen nun das Ergebnis unserer Feinstaub-Messungen über rund 120 Tage seit Jahresbeginn:




  • Die hellgrauen Balken im Hintergrund zeigen die offiziellen Messwerte der LUBW am berüchtigten Stuttgarter Neckartor. Der dortige Sensor wird von der dafür zuständigen Behörde, nämlich der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz in Baden-Württemberg, professionell betrieben und er misst so genau, wie das heute technisch möglich ist. Dieser Sensor ist deshalb als Referenz zu betrachten.
  • Berüchtigt ist das Neckartor deswegen, weil dort häufig Überschreitungen des rot eingezeichneten Tagesgrenzwertes von 50 µg/m³ Feinstaub auftreten. Pro Kalenderjahr sind 35 solche Überschreitungstage zulässig. Leider gab es von Januar bis einschließlich April mehr als 35 Überschreitungstage. Stuttgart verletzt also, so wie hinlänglich bekannt, die gesetzliche Grenze.
  • Dunkelgrau markiert sind die Tage, an denen von den Behörden Feinstaub-Alarm ausgerufen wurde. Dies war an 48 von 120 Tagen der Fall, also ziemlich oft. Der Alarm wird einzig und alleine auf Basis von Wettervorhersagen veranlasst. Er fällt deswegen zwar oft, aber durchaus nicht immer mit Grenzwertüberschreitungen zusammen.
  • Eine nicht wetterbedingte Überschreitung trat am 01.01.2017 nach dem Silvester-Feuerwerk auf. Obwohl diese Überschreitung absolut vorhersehbar war, wurde damals kein Alarm ausgelöst.
  • Die im Bild eingezeichneten Kurven zeigen zwei exemplarische Messungen von kostengünstigen Bürgersensoren aus dem Feinstaub-Messnetz, grün am Pragsattel in Stuttgart und blau bei uns in Silberberg.
  • Es zeigt sich, dass die höchsten Belastungen in der Innenstadt am Neckartor herrschen, gefolgt vom Pragsattel und dass wir Silberberger die niedrigste Belastung haben. Das überrascht an sich wenig.
  • Es zeigt sich aber weiterhin, dass unsere Belastung selbst auf dem Land neben einer Kuhweide, manchmal, wenn die Wetterbedingungen ungünstig sind, den Tagesgrenzwert überschreitet. Das gilt nicht nur für die bekanntlich hoch belastete Leonberger Grabenstraße. Auch das Leonberger Umland ist nicht so sauber, wie man hoffen könnte.
  • Die Feinstaub-Belastung ist besonders in der Wintersaison so hoch, weil es dann häufig austauscharme Wetterlagen gibt und die Heizungen laufen. Im Frühling, wenn ein frischer Wind bläst, ist die Belastung niedriger.Die Feinstaub-Saison ist also vorerst vorbei.
  • Die Verläufe der Belastung an Neckartor, Pragsattel und bei uns in Silberberg ähneln in ihrem Verlauf einander erstaunlich stark. Das bedeutet, dass auch bei uns auf dem Land die Belastung erheblich nach oben geht, wenn Feinstaub-Alarm herrscht, also wenn austauscharme Wetterlagen bestehen. Als Daumenregel kann man sagen, dass die Belastung hier auf dem Land größenordnungsmäßig vielleicht halb so hoch ist wie am Stuttgarter Neckartor.
  • Das passt recht gut zu einem Bild der LUBW mit den Ursachen der Feinstaub-Belastung am Neckartor (diese Grafik wurde auf diesem Blog auch schon an anderer Stelle gezeigt): dort werden immerhin 51% der Belastung auf den lokalen Verkehr zurückgeführt. Wenn der Anteil der Abgase tatsächlich bloß 7% betragen sollte, dann wären übrigens motorische Maßnahmen und Fahrverbote zum Scheitern verurteilt. Auch ein Umstieg auf Elektroantriebe in der Stadt wäre bloß begrenzt wirksam. Andererseits ist aber der Anteil des Umlandes und des Fernverkehrs mit 30% duchaus beachtlich hoch. Das sind - unter anderem - die Autobahnen bei uns. Und diese sind voll mit LKW's.

Nebenbemerkung: Die Messdaten der OK-Lab-Sensoren für den Feinstaub wurden mithilfe der ebenfalls gemessenen Luftfeuchte kalibriert. Das ist notwendig, damit die Bürger-Messwerte bei feuchter Luft mit den LUBW-Messwerten, wo der Feinstaub vor der Messung getrocknet wird, vergleichbar werden. Feinstaub quillt nämlich durch Feuchte auf. An den Kalibriermethoden wird derzeit noch gearbeitet und die tatsächliche absolute Höhe der von den Bürgersensoren gemessenen Belastung ist noch etwas unsicher. Dennoch: die Konsistenz der gemessenen Verläufe zu den LUBW-Messungen ist bereits jetzt eindrucksvoll.



Mittwoch, 19. April 2017

Elektrische Busse für den öffentlichen Nahverkehr?

Dieses Foto haben wir als Souvenir aus Tel Aviv mitgebracht: am dortigen Busbahnhof steht ein Elektrobus beim Laden. Er holt sich gerade von oben seinen Strom mithilfe seines ausfahrbaren Kontaktbügels. Diese Busse der Tel Aviver Linie 4 werden im Linienverkehr eingesetzt und fahren bis zur Stadtgrenze Jaffa. Wir sind mitgefahren: sie bieten den normalen Komfort, fahren leise und haben das für Elektroantriebe typische kernige Drehmoment.

Wenn man zuhause im Internet recherchiert, dann findet man, dass das ganze gar nicht neu ist: Schon vor rund vier Jahren am 06.08.2013 berichtet Israelnetz über die Einführung dieser Elektrobusse: Die Fahrzeuge werden von einer chinesischen (!) Firma namens BYD gefertigt und BYD steht für "Build Your Dreams".

Zum Thema Innovationskraft hier noch ein ganz aktueller Link zum Handelsblatt: "In China fährt die elektrische Zukunft vor"

Aber auch Stuttgart muss sich nicht hinter dem etwas größeren Tel Aviv verstecken. Zwar wurde ein erster Versuch der SSB mit Brennstoffzellen-Bussen 2005 wegen zu hoher Kosten abgebrochen. Doch seit 2014 gibt es nach Information der Stuttgarter Nachrichten ein neues, anscheinend wirtschaftlicheres Projekt mit Brennstoffzellen-Hybrid-Antrieb.

Hoffen wir mal, dass dieses Projekt erfolreicher wird. Wäre schade, wenn man nur noch auf chinesisch innovativ träumen würde.





Sonntag, 12. März 2017

Sparen oder Investieren?

... neulich in Bayern ...

So sieht also der neu gebaute Lärmschutz an der Autobahn A6 bei Kornburg südlich von Nürnberg aus (Zählstelle Nürnberg-Süd: 82.000 Kfz/Tag). Der Lärmschutzwall ist mancherorts mehr als doppelt so hoch wie die vorbeifahrenden LKWs.
Das Regierungspräsidium Stuttgart baut entlang "seiner" Autobahnen deutlich niedriger, wie man im folgenden Bild von der A8 auf der Wasserbachtalbrücke (Zählstelle Pforzheim-West: 87.000 Kfz/Tag) deutlich sehen kann: Die Lärmschutzwand ist in Richtung Süden ungefähr genauso hoch, wie die LKWs und nach Norden hin sogar nur halb so hoch. Da hat man also dem Bürger anstelle eines Lärmschutzes einen Sichtschutz hingestellt. Der Lärm schwappt einfach über die niedrigen Wände und belästigt die Bewohner der in unmittelbarer Nähe liegenden Wohngebäude in Leonberg-Silberberg im Hintergrund.

... reden wir doch mal über das Geld ...

 

Sully Prudhomme, ein Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger, wusste: "Man muss sparsam leben, aber seinen Verhältnissen gemäß. Deshalb fällt wohlverstandene Sparsamkeit nie auf, sobald man sie gewahr wird, ist sie Knauserei".

Wir fragen uns deshalb: Handelt das Stuttgarter Regierungspräsidium bei der Dimensionierung von Lärmschutzmaßnahmen wohlverstanden sparsam oder unverhältnismäßig knauserig? Da lohnt es sich, die Statistiken für den Lärmschutz an Bundesfernstraßen aus dem Bundesverkehrsministerium auszuwerten. Dort findet man die Ausgaben für Lärmvorsorge (an neu gebauten Straßen) und Lärmsanierung (bestehender Straßen). Bis zum Jahr 2015 wurden in verschiedenen Bundesländern in Summe die folgenden kumulierten Beträge für den Lärmschutz ausgegeben:
  • Baden-Württemberg: 507 Mio €
  • Bayern: 850 Mio €
  • Nordrhein-Westfalen: 1778 Mio €
Selbstverständlich bestehen in den verschiedenen Bundesländern unterschiedliche Umstände: Flächenländer haben viele lange Fernstraßen, während in Ländern mit hoher Bevölkerungsdichte viele Leute nahe an den Verkehrswegen wohnen, wo die Belastung hoch ist. Deswegen sind die oben zitierten Gesamtsummen für sich alleine genommen nicht sehr aussagekräftig, sondern müssen mit der Zahl der Einwohner oder der Länge des Straßennetzes ins Verhältnis gesetzt werden. Wir betrachten deshalb als erstes die Ausgaben für den Lärmschutz pro Einwohner:

Was sehen wir hierbei?
  • Baden-Württemberg investierte insgesamt 47.63 € pro Kopf in den Lärmschutz für seine Bürger, jedes Jahr etwa 1.70 € pro Kopf,
  • Bayern investierte ein Drittel mehr, nämlich insgesamt 66.18 € pro Kopf,  bzw. 2.10 € pro Jahr und Einwohner und
  • Nordrhein-Westfalen investierte sogar das Doppelte, nämlich insgesamt 99.50 € pro Kopf bzw. 3.10 € pro Jahr und Bürger.
1.70 € pro Jahr und Einwohner? Das erscheint uns recht wenig. Dafür kann man sich noch nicht einmal ein Glas Bier jährlich leisten. Zum Vergleich: Für diverse Subventionen zahlt jeder Deutsche pro Jahr rund 2100 € (Quelle: Spiegel).
😀 Natürlich wäre es Quatsch anzunehmen, dass die Lärmschutzwälle anderswo deswegen doppelt so hoch geworden sind, wie hierzulande, weil dort pro Kopf doppelt soviel Geld ausgegeben wird 😀

Bemerkenswerter erscheint uns da eher, wie gleichförmig die Kurven verlaufen. Offenbar ist es völlig egal, wer gerade an der Regierung ist, es wird jedes Jahr gleich viel Geld in den Lärmschutz gesteckt. Die Politik hat entweder keinen Einfluss oder sie setzt keine entsprechende Priorität. Schade, oder?

Die zweite naheliegende Auswertung sind die Kosten für Lärmschutz pro Bundesfernstraßenkilometer:

Hier ziehen Bayern und Baden-Württemberg zwar gleichauf, aber beide Südstaaten liegen weit hinter Nordrhein-Westfalen. Dort gibt man also sowohl pro Kopf als auch pro Kilometer erheblich mehr Geld für den Verkehrslärmschutz aus als hierzulande. Andere Prioritäten eben?

Eigentlich kann das doch gar nicht sein, denn eigentlich unterliegt der Lärmschutz an Bundesfernstraßen der Gesetzgebung des Bundes, d.h. eigentlich gelten für jedes Bundesland die gleichen Vorschriften. Und eigentlich müsste doch dann der Lärmschutz in jedem Bundesland ähnlich dimensioniert sein. Kann dann uneigentlich der Lärmschutz in den Bundesländern vielleicht doch Auslegungssache sein?


Sonntag, 26. Februar 2017

Brauchen wir eine Blaue Plakette?

Es geht im Folgenden um die Sinnhaftigkeit der sogenannten "Blauen Plakette". Die will die Landesregierung wohl einführen, um die Belastung mit gesundheitsschädlichen Luftschadstoffen zu senken. Darüber gibt es Streit. Was soll man davon halten?

Es lohnt sich natürlich herauszufinden, wieviel Schadstoffe vorhanden sind und wo die herkommen: In Stuttgart misst die LUBW am Neckartor unter anderem den Feinstaub. In 2017 wurde der Tagesgrenzwert von 50µg/m³ im Januar an 20 Tagen und im Februar an 14 Tagen überschritten. Diese Zahlen veröffentlicht Stadtklima-Stuttgart. Erlaubt sind insgesamt 35 Überschreitungstage im Jahr, die wir also bereits nach 2 Monaten quasi "verbraucht" haben.

Und woher stammt eigentlich die Feinstaub-Belastung am Neckartor?
Schaubild der LUBW via Stadtklima-Stuttgart

Auch Stickstoffdioxid (NO2) wird regelmäßig gemessen, die Belastung überschreitet den Grenzwert vielerorts (u.a. am Stuttgarter Neckartor und in der Leonberger Grabenstraße). Das hessische Landesamt für Umwelt und Geologie hat analysiert aus welchen Quellen das NO2 stammt:
Schaubild der Fraport AG via Hessisches Landesamt für Umwelt und Geologie
Was lernen wir daraus?

  • Beim Feinstaub kommen (nur) 7% aus den Abgasen des lokalen Verkehrs. Wenn man annimmt, dass heute rund die Hälfte der Autos Dieselmotoren haben, dann beeinflusst die Einführung einer Blauen Plakette gerade mal 3% des Feinstaub-Aufkommens am Neckartor. Die Einführung einer Blauen Plakette zur Senkung der Belastung mit Feinstaub wäre also reine Symbolpolitik.
  • Auch ein (utopischer) vollständiger Umstieg vom Verbrennungsmotor auf Elektroantriebe würde am Neckartor eher wenig gegen den Feinstaub helfen.
  • Anders sieht das ganze beim Stickstoffdioxid aus, das zu rund zwei Dritteln verkehrsbedingt ist. Aufgrund der höheren Temperaturen entstehen im Dieselmotor tatsächlich deutlich mehr Stickoxide als bei Benzinern. Dagegen helfen Fahrzeuge nach Euro 6 Norm, die meistens mit einem DENOx-Katalysator ausgestattet sind, der Stickoxide abbaut. Hier würde also eine Blaue Plakette tatsächlich Wirkung zeigen.
  • Wenn es richtig ist, dass der meiste Feinstaub durch Abrieb und Aufwirbelung in die Atemluft gelangt, dann wäre allerdings eine Senkung des Individualverkehrs die wirksamste Verbesserungsmaßnahme. Die wirksamste Maßnahme in diese Richtung wäre: öffentlicher Nahverkehr zum Nulltarif. Also kostenlos für die Benutzer, so wie Freibier. 




Samstag, 11. Februar 2017

Feinstaub im Januar

An 17 Tagen gab es im Januar 2017 (das ist mehr als ein halber Monat) Feinstaubalarm in Stuttgart! Das folgende Bild zeigt die Feinstaub-Messwerte der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg (LUBW) am Neckartor für den Monat Januar. Der Tagesgrenzwert von 50 µg/m³ wurde um das drei- bis vierfache überschritten.


Nun gibt es inzwischen auch Bürgermessstationen für Feinstaub und eine davon hängt an unserem Haus in Leonberg-Silberberg. Das folgende Bild zeigt unsere Januar-Messung:


Es fällt auf: Die Verläufe am Neckartor und in Silberberg sehen erstaunlich ähnlich aus. An beiden Orten herrschte eine sehr starke Feinstaub-Belastung nach dem Neujahrsfeuerwerk (in Stuttgart war an diesem Tag übrigens kein Feinstaub-Alarm, obwohl die Belastung durch die Knallerei natürlich vorhersehbar war). Sowohl der kleine Alarm rund um den 9. Januar, als auch der lang andauernde Alarm vom 16. - 30. Januar sind auch am Silberberg messbar. Wahrscheinlich liegen aber unsere Messwerte mit dem nicht kalibrierten "Bürgersensor" systematisch zu hoch. Das bedeutet: unser Sensor liefert zwar qualitativ gute Werte, wie der Vergleich der Verläufe mit dem "Profi-Sensor" am Neckartor zeigt. Die Werte müssen aber kalibiert weden.

Wenn die Messverläufe am Neckartor und im Silberberg so gut vergleichbar sind, dann lernen wir daraus: Die Belastung mit Feinstaub ist kein lokales Phänomen, das es nur in der Innenstadt in schlecht durchlüfteten Straßenschluchten gibt, sondern die ganze Region ist betroffen. Unser Sensor ist übrigens derjenige mit der Nummer 257 auf der Feinstaub-Map.

Opengeiger hat einen ausführlichen Bericht zur Feinstaub-Episode im Januar in Stuttgart mit vielen meteorologischen Details.



Presseschau

Am 02.02.2017 berichten die Stuttgarter Nachrichten, dass schwäbische Grüne und CDU gemeinsam die Blaue Plakette für schadstoffarme Fahrzeuge einführen wollen.

Ebenfalls in den Stuttgarter Nachrichten gibt es am 03.02.2017 einen achtteiligen Faktencheck zum Thema Feinstaub:

  1. Der Faktencheck zum Feinstaub
  2. Staub macht krank
  3. Die Abgase
  4. Die Kaminöfen
  5. Heizungen
  6. Es rollt und reibt
  7. Einiges ist getan
  8. Weiteres ist nötig

Blick aus dem Dachfenster

Nach Sonnenaufgang am 11.02.2017 zeigt unser Sensor rund 90 µg/m³ PM10.



Sonntag, 29. Januar 2017

Klirrende Kälte


In den letzten Tagen war das Wetter sehr kalt und sonnig: hier ein Bild einer Seifenblase bei Sonnenaufgang, sie kristallisiert nach Berührung mit einem kalten Metallgeländer.


Später beim Winterspaziergang funkelten zarte Eiskristalle in der Sonne.


Weniger romantisch: Die Leonberger Kreiszeitung schreibt am 25.01.2017 über die durch dieses Wetter verursachte Feinstaub-Belastung: "Die Dunstglocke hängt am Engelberg". Die Feinstaubwerte waren hier bei uns im Umland vergleichbar hoch wie in der Innenstadt am Stuttgarter Neckartor.