Sonntag, 12. März 2017

Sparen oder Investieren?

... neulich in Bayern ...

So sieht also der neu gebaute Lärmschutz an der Autobahn A6 bei Kornburg südlich von Nürnberg aus (Zählstelle Nürnberg-Süd: 82.000 Kfz/Tag). Der Lärmschutzwall ist mancherorts mehr als doppelt so hoch wie die vorbeifahrenden LKWs.
Das Regierungspräsidium Stuttgart baut entlang "seiner" Autobahnen deutlich niedriger, wie man im folgenden Bild von der A8 auf der Wasserbachtalbrücke (Zählstelle Pforzheim-West: 87.000 Kfz/Tag) deutlich sehen kann: Die Lärmschutzwand ist in Richtung Süden ungefähr genauso hoch, wie die LKWs und nach Norden hin sogar nur halb so hoch. Da hat man also dem Bürger anstelle eines Lärmschutzes einen Sichtschutz hingestellt. Der Lärm schwappt einfach über die niedrigen Wände und belästigt die Bewohner der in unmittelbarer Nähe liegenden Wohngebäude in Leonberg-Silberberg im Hintergrund.

... reden wir doch mal über das Geld ...

 

Sully Prudhomme, ein Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger, wusste: "Man muss sparsam leben, aber seinen Verhältnissen gemäß. Deshalb fällt wohlverstandene Sparsamkeit nie auf, sobald man sie gewahr wird, ist sie Knauserei".

Wir fragen uns deshalb: Handelt das Stuttgarter Regierungspräsidium bei der Dimensionierung von Lärmschutzmaßnahmen wohlverstanden sparsam oder unverhältnismäßig knauserig? Da lohnt es sich, die Statistiken für den Lärmschutz an Bundesfernstraßen aus dem Bundesverkehrsministerium auszuwerten. Dort findet man die Ausgaben für Lärmvorsorge (an neu gebauten Straßen) und Lärmsanierung (bestehender Straßen). Bis zum Jahr 2015 wurden in verschiedenen Bundesländern in Summe die folgenden kumulierten Beträge für den Lärmschutz ausgegeben:
  • Baden-Württemberg: 507 Mio €
  • Bayern: 850 Mio €
  • Nordrhein-Westfalen: 1778 Mio €
Selbstverständlich bestehen in den verschiedenen Bundesländern unterschiedliche Umstände: Flächenländer haben viele lange Fernstraßen, während in Ländern mit hoher Bevölkerungsdichte viele Leute nahe an den Verkehrswegen wohnen, wo die Belastung hoch ist. Deswegen sind die oben zitierten Gesamtsummen für sich alleine genommen nicht sehr aussagekräftig, sondern müssen mit der Zahl der Einwohner oder der Länge des Straßennetzes ins Verhältnis gesetzt werden. Wir betrachten deshalb als erstes die Ausgaben für den Lärmschutz pro Einwohner:

Was sehen wir hierbei?
  • Baden-Württemberg investierte insgesamt 47.63 € pro Kopf in den Lärmschutz für seine Bürger, jedes Jahr etwa 1.70 € pro Kopf,
  • Bayern investierte ein Drittel mehr, nämlich insgesamt 66.18 € pro Kopf,  bzw. 2.10 € pro Jahr und Einwohner und
  • Nordrhein-Westfalen investierte sogar das Doppelte, nämlich insgesamt 99.50 € pro Kopf bzw. 3.10 € pro Jahr und Bürger.
1.70 € pro Jahr und Einwohner? Das erscheint uns recht wenig. Dafür kann man sich noch nicht einmal ein Glas Bier jährlich leisten. Zum Vergleich: Für diverse Subventionen zahlt jeder Deutsche pro Jahr rund 2100 € (Quelle: Spiegel).
😀 Natürlich wäre es Quatsch anzunehmen, dass die Lärmschutzwälle anderswo deswegen doppelt so hoch geworden sind, wie hierzulande, weil dort pro Kopf doppelt soviel Geld ausgegeben wird 😀

Bemerkenswerter erscheint uns da eher, wie gleichförmig die Kurven verlaufen. Offenbar ist es völlig egal, wer gerade an der Regierung ist, es wird jedes Jahr gleich viel Geld in den Lärmschutz gesteckt. Die Politik hat entweder keinen Einfluss oder sie setzt keine entsprechende Priorität. Schade, oder?

Die zweite naheliegende Auswertung sind die Kosten für Lärmschutz pro Bundesfernstraßenkilometer:

Hier ziehen Bayern und Baden-Württemberg zwar gleichauf, aber beide Südstaaten liegen weit hinter Nordrhein-Westfalen. Dort gibt man also sowohl pro Kopf als auch pro Kilometer erheblich mehr Geld für den Verkehrslärmschutz aus als hierzulande. Andere Prioritäten eben?

Eigentlich kann das doch gar nicht sein, denn eigentlich unterliegt der Lärmschutz an Bundesfernstraßen der Gesetzgebung des Bundes, d.h. eigentlich gelten für jedes Bundesland die gleichen Vorschriften. Und eigentlich müsste doch dann der Lärmschutz in jedem Bundesland ähnlich dimensioniert sein. Kann dann uneigentlich der Lärmschutz in den Bundesländern vielleicht doch Auslegungssache sein?


Sonntag, 26. Februar 2017

Brauchen wir eine Blaue Plakette?

Es geht im Folgenden um die Sinnhaftigkeit der sogenannten "Blauen Plakette". Die will die Landesregierung wohl einführen, um die Belastung mit gesundheitsschädlichen Luftschadstoffen zu senken. Darüber gibt es Streit. Was soll man davon halten?

Es lohnt sich natürlich herauszufinden, wieviel Schadstoffe vorhanden sind und wo die herkommen: In Stuttgart misst die LUBW am Neckartor unter anderem den Feinstaub. In 2017 wurde der Tagesgrenzwert von 50µg/m³ im Januar an 20 Tagen und im Februar an 14 Tagen überschritten. Diese Zahlen veröffentlicht Stadtklima-Stuttgart. Erlaubt sind insgesamt 35 Überschreitungstage im Jahr, die wir also bereits nach 2 Monaten quasi "verbraucht" haben.

Und woher stammt eigentlich die Feinstaub-Belastung am Neckartor?
Schaubild der LUBW via Stadtklima-Stuttgart

Auch Stickstoffdioxid (NO2) wird regelmäßig gemessen, die Belastung überschreitet den Grenzwert vielerorts (u.a. am Stuttgarter Neckartor und in der Leonberger Grabenstraße). Das hessische Landesamt für Umwelt und Geologie hat analysiert aus welchen Quellen das NO2 stammt:
Schaubild der Fraport AG via Hessisches Landesamt für Umwelt und Geologie
Was lernen wir daraus?

  • Beim Feinstaub kommen (nur) 7% aus den Abgasen des lokalen Verkehrs. Wenn man annimmt, dass heute rund die Hälfte der Autos Dieselmotoren haben, dann beeinflusst die Einführung einer Blauen Plakette gerade mal 3% des Feinstaub-Aufkommens am Neckartor. Die Einführung einer Blauen Plakette zur Senkung der Belastung mit Feinstaub wäre also reine Symbolpolitik.
  • Auch ein (utopischer) vollständiger Umstieg vom Verbrennungsmotor auf Elektroantriebe würde am Neckartor eher wenig gegen den Feinstaub helfen.
  • Anders sieht das ganze beim Stickstoffdioxid aus, das zu rund zwei Dritteln verkehrsbedingt ist. Aufgrund der höheren Temperaturen entstehen im Dieselmotor tatsächlich deutlich mehr Stickoxide als bei Benzinern. Dagegen helfen Fahrzeuge nach Euro 6 Norm, die meistens mit einem DENOx-Katalysator ausgestattet sind, der Stickoxide abbaut. Hier würde also eine Blaue Plakette tatsächlich Wirkung zeigen.
  • Wenn es richtig ist, dass der meiste Feinstaub durch Abrieb und Aufwirbelung in die Atemluft gelangt, dann wäre allerdings eine Senkung des Individualverkehrs die wirksamste Verbesserungsmaßnahme. Die wirksamste Maßnahme in diese Richtung wäre: öffentlicher Nahverkehr zum Nulltarif. Also kostenlos für die Benutzer, so wie Freibier. 




Samstag, 11. Februar 2017

Feinstaub im Januar

An 17 Tagen gab es im Januar 2017 (das ist mehr als ein halber Monat) Feinstaubalarm in Stuttgart! Das folgende Bild zeigt die Feinstaub-Messwerte der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg (LUBW) am Neckartor für den Monat Januar. Der Tagesgrenzwert von 50 µg/m³ wurde um das drei- bis vierfache überschritten.


Nun gibt es inzwischen auch Bürgermessstationen für Feinstaub und eine davon hängt an unserem Haus in Leonberg-Silberberg. Das folgende Bild zeigt unsere Januar-Messung:


Es fällt auf: Die Verläufe am Neckartor und in Silberberg sehen erstaunlich ähnlich aus. An beiden Orten herrschte eine sehr starke Feinstaub-Belastung nach dem Neujahrsfeuerwerk (in Stuttgart war an diesem Tag übrigens kein Feinstaub-Alarm, obwohl die Belastung durch die Knallerei natürlich vorhersehbar war). Sowohl der kleine Alarm rund um den 9. Januar, als auch der lang andauernde Alarm vom 16. - 30. Januar sind auch am Silberberg messbar. Wahrscheinlich liegen aber unsere Messwerte mit dem nicht kalibrierten "Bürgersensor" systematisch zu hoch. Das bedeutet: unser Sensor liefert zwar qualitativ gute Werte, wie der Vergleich der Verläufe mit dem "Profi-Sensor" am Neckartor zeigt. Die Werte müssen aber kalibiert weden.

Wenn die Messverläufe am Neckartor und im Silberberg so gut vergleichbar sind, dann lernen wir daraus: Die Belastung mit Feinstaub ist kein lokales Phänomen, das es nur in der Innenstadt in schlecht durchlüfteten Straßenschluchten gibt, sondern die ganze Region ist betroffen. Unser Sensor ist übrigens derjenige mit der Nummer 257 auf der Feinstaub-Map.

Opengeiger hat einen ausführlichen Bericht zur Feinstaub-Episode im Januar in Stuttgart mit vielen meteorologischen Details.



Presseschau

Am 02.02.2017 berichten die Stuttgarter Nachrichten, dass schwäbische Grüne und CDU gemeinsam die Blaue Plakette für schadstoffarme Fahrzeuge einführen wollen.

Ebenfalls in den Stuttgarter Nachrichten gibt es am 03.02.2017 einen achtteiligen Faktencheck zum Thema Feinstaub:

  1. Der Faktencheck zum Feinstaub
  2. Staub macht krank
  3. Die Abgase
  4. Die Kaminöfen
  5. Heizungen
  6. Es rollt und reibt
  7. Einiges ist getan
  8. Weiteres ist nötig

Blick aus dem Dachfenster

Nach Sonnenaufgang am 11.02.2017 zeigt unser Sensor rund 90 µg/m³ PM10.



Sonntag, 29. Januar 2017

Klirrende Kälte


In den letzten Tagen war das Wetter sehr kalt und sonnig: hier ein Bild einer Seifenblase bei Sonnenaufgang, sie kristallisiert nach Berührung mit einem kalten Metallgeländer.


Später beim Winterspaziergang funkelten zarte Eiskristalle in der Sonne.


Weniger romantisch: Die Leonberger Kreiszeitung schreibt am 25.01.2017 über die durch dieses Wetter verursachte Feinstaub-Belastung: "Die Dunstglocke hängt am Engelberg". Die Feinstaubwerte waren hier bei uns im Umland vergleichbar hoch wie in der Innenstadt am Stuttgarter Neckartor.


Sonntag, 15. Januar 2017

Fahren ohne Fahrerlaubnis?

Adler Originalfoto
In der guten alten Zeit war bekanntlich so manches besser 😀 und auf der Strecke der Württembergischen Schwarzwaldbahn fuhren bei deren Eröffnung im Jahr 1872 Personenzüge mit eher gemütlicher Geschwindigkeit. Güterzüge gab es damals noch gar nicht.


Aktuell fahren auf genau dieser Strecke von Korntal nach Renningen neben der S-Bahn S6 / S60 rund um die Uhr auch Güterzüge mit bis zu 120 km/h. Die machen dann entsprechenden Lärm. Deswegen lag es nahe, einfach mal nachzufragen, ob das überhaupt erlaubt ist. Als Adressat der Frage wählten wir das Eisenbahn-Bundesamt (EBA), die für Eisenbahnen zuständige Genehmigungsbehörde, die Bescheid wissen sollte. Hier das Ergebnis:

Auszug aus einer Auskunft des EBA vom 19.12.2016

Was das heißt? Nun, das ist ganz einfach: Die Bahn fährt schwarz - denn sie kann keine gültige Betriebsgenehmigung vorweisen. Aus unserer Sicht hat die Bahn deshalb keinen Rechtsanpruch auf den Güterzugbetrieb.

Ob unsere Bahnstrecke bestimmungsgemäß genutzt wird, weiß man beim EBA irgendwie auch nicht. Das ist deswegen interessant, weil die Bahn Forderungen nach Lärmsanierung gerne mit der Ausrede abschmettert, dass es sich um eine langjährig und bestimmungsgemäß genutzte Bestandsstrecke handelt. Bei uns gilt somit: Obwohl die Bahn keine Betriebsgenehmigung vorweisen kann, hält sie es für ihr Gewohnheitsrecht die Lärmgrenzwerte zu verletzen (letzteres stellt jedenfalls der Lärmaktionsplan so fest).

Auf der Prioritätenliste der Bahn für Lärmsanierungen steht unsere Strecke übrigens auf dem ehrenwerten Platz 93. Wie heißt es doch so schön: Dabeisein ist alles.

Gewiss wäre dies ein gutes Thema für die Sitzung am 31.01.2017, wenn der Leonberger Gemeinderat die Lärmaktionsplanung für unsere Stadt diskutiert.

Samstag, 7. Januar 2017

Neujahrsfeuerwerk



Blick auf Rutesheim an Neujahr (vom Hotel 2050)
Wir wünschen allen unseren Lesern ein gesundes und erfolgreiches neues Jahr.

Im letzten Blog am 04.12.2016 ging es um den Begriff "postfaktisch", der - kaum eine Woche später - von der Gesellschaft für deutsche Sprache prompt zum Wort des Jahres gewählt wurde. Manches liegt eben in der Luft. Das gilt auch für den Feinstaub, der unter anderem beim Silvesterböllern freigesetzt wird und um den es im folgenden Beitrag geht. Allerdings nicht in Form von postfaktischem Geschwätz, sondern wir zeigen Zahlen, Daten, Fakten.

Am 11.12.2016 haben wir einen Feinstaubsensor an unserem Haus in Silberberg in Betrieb genommen. Dieser misst im Minutentakt die Feinstaub-Konzentration. Das OK Lab Stuttgart hat solche kostengünstige Feinstaubsensoren für Jedermann entwickelt (übrigens: danke an Ewald und Rajko, die mir mit der Inbetriebnahme geholfen haben). Das Ziel der Initiative ist, "Citizen Science" zu fördern - also Wissenschaft für Alle ...

Hier unsere Feinstaub-Belastung über die drei Tage von 31.12.2016 bis 02.01.2017, also Silvester, dem Neujahrstag (in der Mitte) und dem Tag danach. Die Feinstaub-Belastung steigt steil an ab dem 01.01.2017 um 00:00 Uhr.


Grau eingezeichnet sind die minütlich gemessenen Rohdaten, die starke Schwankungen aufweisen, die blauen Werte wurden über eine Stunde lang geglättet und die grüne Kurve zeigt über 24 Stunden geglättete Werte. Der rote Strich bei 50µg/m³ ist der gültige Tagesgrenzwert. Man sieht: unsere Gegend war bereits vor dem Feuerwerk grenzwertig und diese Belastung verzehnfachte sich durch die Knallerei. Nachdem das Feuerwerk vorbei war, dauerte es rund 24 Stunden bis der Feinstaub wieder abgeklungen war. Man sieht eine Dunstglocke aus Feinstaub bei Sonnenuntergang am Neujahrstag noch über Silberberg hängen (der Zeitpunkt entspricht der Zeit 1.5 Tage in obigem Messschrieb mir gut 300µg/m³ PM10).


Das Ergebnis unserer Messung passt übrigens ausgezeichnet zu denen der professionellen Geräte: auch die Feinstaubkarte des Umweltbundesamtes weist an Silvester - vor dem Feuerwerk - für unsere Gegend grenzwertige Belastungen in Höhe 50µg/m³ aus:

Quelle: Umweltbundesamt
Man sieht: der Feinstaub befällt nicht bloß irgendwelche verkehrsreichen Straßenschluchten am Stuttgarter Neckartor, sondern er tritt auch in Vorstädten und im ländlichen Raum auf. Übrigens sahen an Neujahr fast alle Sensoren des Feinstaubmessnetzwerkes Belastungen in Höhe des zehnfachen Tagesgrenzwertes (blau in der folgenden Darstellung des OK-Lab).

Feinstaub-Konzentration in der Region Stuttgart am Neujahrstag

Man kann diese Karte mit Echtzeitdaten zur Feinstaub-Konzentration im Internet abrufen. Auch die AGVL hat Daten ausgewähler Sensoren und allgemeine Informationen.

Citizen Science heißt: wir werden weiter messen und beobachten ...

Zum Start ins neue Jahr noch ein hübsches Bild vom Morgenspaziergang am Dreikönigstag durchs Wasserbachtal: dort war es ernsthaft kalt ...


Sonntag, 4. Dezember 2016

Postfaktische Zeiten ?

"Es heißt ja neuerdings, wir lebten in postfaktischen Zeiten"  sagte Bundeskanzlerin Merkel neulich nach der vergeigten Wahl in Berlin (Quelle: SPON, 19.09.2016).


Genau wie in Berlin, beobachten wir postfaktische Argumente zunehmend auch lokal, in unserer Gegend. Hier drei aktuelle Beispiele:

  • Wir stellten dem Eisenbahn-Bundesamt - das ist die Behörde, die u.a. für Genehmigungen von Bahnstrecken zuständig ist - eine wirklich einfache Frage:  „Welchen Anhalteweg besitzt ein voll beladener Güterzug, der mit seiner zulässigen Höchstgeschwindigkeit durch den S-Bahnhof Rutesheim fährt?“ Dieser Bahnhof gehört zum Schulweg der hiesigen Kinder. Das Eisenbahn-Bundesamt möchte jedenfalls lieber nicht antworten mit der Begründung, dass dafür kein Auskunftsanspruch besteht. Es handele es sich beim Anhalteweg „nicht um beim Eisenbahn-Bundesamt vorgehaltene Umweltinformationen“. Wissen die nicht oder wollen die nicht? Wo kämen wir hin, wenn Behörden Auskunft über simple Fakten an irgendwelche Bürger erteilen müssten?
  • Am 01.12.2016 berichten die Stuttgarter Nachrichten die Fakten zum Bahn-Crash 2012 in Feuerbach und die Stuttgarter Zeitung kommentiert fassungslos: "Das Trauerspiel der Eisenbahn-Unfallermittler". Worum geht es? Das Eisenbahn-Bundesamt verschleppt seit vier Jahren die Untersuchung jenes Güterzugunfalls, der den Feuerbacher Bahnhof demoliert hat. Die Fakten zur Unfallursache bleiben unaufgeklärt, das Vertrauen in die Sicherheit der Bahn schwindet. Ist das Vorsatz oder bloß Unfähigkeit?
  • Am 02.12.2016 berichten die Stuttgarter Zeitung und SWR, dass ihnen das vom Aufsichtsrat der Bahn beauftragte Gutachten von KPMG über Stuttgart 21 vorliegt. Und dort steht, dass die Geologie extrem schwierig für Tunnelbau sei, weil Anhydritschichten im Kontakt mit Wasser aufquellen. Nun ja, die Gegner von Stuttgart 21 warnen bereits seit vielen Jahren davor, während die Bahn immer behauptet hat, alles im Griff zu haben. Wir Leonberger kennen das Anhydrit-Problem vom Engelbergtunnel, der alle paar Jahre saniert werden muss: die nächste Reparatur beginnt demnächst und wird einen dreistelligen Millionenbetrag kosten. Bahn und Politik haben die bekannten Fakten einfach ignoriert und bauen trotzdem. Warum auch nicht? Die Folgekosten werden sowieso wir Steuerzahler tragen - nicht das Unternehmen Deutsche Bahn, nicht die dort angestellten Manager, nicht der verantwortliche (?) Aufsichtsrat und auch nicht die politischen Befürworter aus Stadt, Land oder Bund ... 


Die Zeit kommentierte übrigens am 30.11.2016 die Mehrkosten von Stuttgart 21 mit der schlichten Schlagzeile: "Lassen wir's!" Da war allerdings das erwähnte KPMG-Gutachten mit den Folgekosten noch gar nicht öffentlich bekannt.



Wer braucht eigentlich Fakten?



Wir erinnern uns an den Soziologieprofessor, Diplomaten und US-Senator Daniel Patrick Moynihan, der einmal sagte: "Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, aber niemand hat das Recht auf eigene Fakten." Wenn die Fakten nicht zur eigenen vorgefassten Meinung passen, dann läßt man sie am besten weg. Die Welt kann doch so einfach sein. Anstelle von Fakten beherrschen Gefühle und Stimmungen die Reden der Populisten. Politik und Behörden vermeiden gerne Zahlen, Daten und Fakten ("ZDF"). Denn damit würde man sich ja festlegen. Deshalb: Populismus ist Mainstream. Wir leben in postfaktischen Zeiten!

Übrigens: In der Wirtschaftswoche kündigt am 02.12.2016 Serdar Sumuncu an "... und deswegen kandidiere ich als Bundeskanzler". Er schreibt weiter: "Ich fordere mehr Inkompetenz, mehr Inkonsequenz und mehr Inkontinenz. Es wird diskriminiert und diskreditiert, es wird diskutiert und differenziert. Hauptsache, es wird." Wohl bekomm's.

Update 09.12.2016

In unserem Blog vom 29.06.2016 hatten wir angeregt, dass Herr Pofalla (Jurist, Ex-Kanzleramtsminister, derzeit Bahn-Cheflobbyist) die Nachfolge von Herrn Kefer (als fähig geltender Ingenieur) als Vorstand für Infrastruktur bei der Deutschen Bahn antreten könnte. Es freut uns sehr, jetzt mitteilen zu können, dass man unserem Vorschlag folgt. Der Spiegel weist zwar darauf hin: "Für die Infrastruktur muss ein technisch versierter Bahner verantwortlich sein und kein ehemaliger Politiker mit Jurastudium." Aber wen kümmern schon technische Details in postfaktischen Zeiten ...